Post by Vlorë Krug Kryeziu
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Acht Namen auf einem Gerichtsdokument. Heute leben nur noch zwei. Einer davon ist mein Vater. Am 11. Januar 1983 kam es beim Filmfestival „Pula 83“ im DGB-Haus in Stuttgart zu einem handgreiflichen Vorfall. Acht Männer wurden verurteilt. Ein loyaler Freund nahm damals privat einen hohen Kredit auf, um die Kaution für alle zu bezahlen. Einer der acht Männer war mein Vater. Und das nur wenige Monate, nachdem er meine Mutter und uns drei Jüngsten nach Deutschland geholt hatte. Nachdem drei seiner aktivistischen Freunde in Untergruppenbach auf offener Straße erschossen worden waren. Heute frage ich mich manchmal, wie irre das eigentlich war. Meine Mutter hatte gerade ihre Kula (eine albanische Pluderhose) ausgezogen und zum ersten Mal einen Rock angezogen. Deutschland war für sie noch ganz neu. Und trotzdem ließ mein Vater sie zwanzig Nächte allein zurück. Zwanzig Nächte Zelle. Fast könnte man sagen: Die einzige Zeit in seinem Leben, in der er sich von der Baustelle erholen konnte. Ich schaue traurig auf diese acht Namen. Vor wenigen Tagen starb einer der acht Männer an Krebs. Die rechte Hand Ibrahim Rugovas in der Diaspora. In jener Diaspora, die wir Albaner:innen Mërgata nennen. Ich lese die Liste noch einmal. Und merke plötzlich: Mein Vater war damals der Älteste der acht Männer. Zwölf Jahre älter als der neulich Verstorbene. Heute leben nur noch er und der Zweitälteste. Als wir vorhin telefonierten, sagte mein Vater fast stolz: „Ich habe nie geraucht. Deshalb lebe ich noch. Sie wollten mich immer überreden, weil ich der einzige Nichtraucher war. Aber mir wurde immer schwindelig davon. Das war nichts für mich. Heute sind die Straßen wieder voll mit rauchenden Jugendlichen.“ Ich betrachte dieses Foto meiner Eltern erneut. Kurz nachdem meine Mutter nach zwölf Jahren Gastarbeiterfernbeziehung zu meinem Vater nach Filderstadt gezogen war. Und plötzlich muss ich lachen. Ich entdecke etwas, das mir nie aufgefallen war. Eine Zigarette. Obwohl mein Vater das Rauchen hasste, hält er sie für das Foto in der Hand. Damals gehörte das offenbar dazu. Er war für einen kurzen Moment ein performativer Raucher. Und ich frage mich: Welche Foto-Zigaretten halten wir heute in der Hand? Wo habe ich in letzter Zeit etwas getan, das gar nicht zu mir passt? Nur um dazuzugehören. Nur um keinen Gruppenausschluss zu riskieren. Vielleicht rauchen wir heute keine Zigaretten mehr für das Foto. Vielleicht posten wir Meinungen. Vielleicht Empörung. Vielleicht geglättete Haare. Die Foto-Zigarette ist verschwunden. Das Bedürfnis dazuzugehören nicht. ***** Ich unterstützte die Petition: "Keine Vapes an Berliner Schulen - Kinder besser schützen!" Link in den Kommentaren.