Post by Udo Hahn
Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing | Pfarrer | Publizist | Moderator | Netzwerker | Impulsgeber | Vermittler
Absolut sehenswert: Christian Stückl und sein „Tyll“ Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin ein Fan von Christian Stückl. Mich fasziniert, wie er als Intendant des Münchner Volkstheaters eine Bühne geschaffen hat, die gleichermaßen den Theater-Nachwuchs fördert und ein junges Publikum begeistert. Und wie es ihm als Spielleiter der Passionsspiele Oberammergau gelungen ist, einen biblischen Stoff zeitgemäß zu inszenieren und dabei zu demonstrieren, wie man verfestigte Antisemitismen loswird. In den Jahren zwischen den Passionsspielen bringt er einen Stoff zur Aufführung, der gegenwärtige Entwicklungen kommentiert und immer dazu anregt, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Die Vorlage heuer bildet der Roman „Tyll“ von Daniel Kehlmann. Der Schriftsteller versetzt die Hauptfigur in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs (1618-1648). Zur Premiere herrschten jetzt in Oberammergau Temperaturen, wie man sie nur aus dem Hochsommer kennt. Ich habe dort schon Aufführungen erlebt, die man nur ertragen konnte, wenn man über den Pullover noch eine Regenjacke anzog. „Tyll“ ist kein Stück, um sich an einem lauen Sommerabend zu amüsieren. Schon das Bühnenbild lässt einen frösteln. Ein Haus ohne Dach, ohne Türen, ohne Fenster – eine Trümmerlandschaft. Und die Bäume – wie von Raureif bedeckt. Einen Schelmenstreich gibt es nur am Anfang. Als der Seiltänzer Tyll – von Slackline-Weltmeister Sascha Grill gespielt –, die Schaulustigen auffordert, einen Schuh auszuziehen und zu wegzuwerfen. Das Chaos, den eigenen Schuh wieder zu finden, amüsiert Tyll. Dieser – gespielt von Maximilian Bender – ist hier selbst ein vom Schicksal Gebeutelter. Ihm und allen anderen fehlt, was in der Moderne zum Kennzeichen des Menschseins schlechthin geworden ist – zumindest in der westlichen Welt: selbstbestimmt leben zu können. In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges werden irgendwie alle zu Opfern, irgendwann auch die vermeintlich Mächtigen, wenn sie die Pest dahinrafft. Der Krieg um Religion und Macht zerstört alles. Äußerlich unbehaust, fehlt irgendwann jede Zuversicht. Was Stückl inszeniert, ist im Kern ein Menschheitsdrama. Was tun, wenn das Leben permanent bedroht ist, wohin man schaut und wohin man (aus)wandern wollte. Vor dem inneren Auge entstehen rasch die Trümmerlandschaften heutiger Kriege und welche Not sie auslösen. Bald auch im eigenen Leben? Und was ist die Botschaft des Regisseurs? Er will „in eigenartigen Zeiten“, in denen auch wir leben, „Mut machen, das Maul aufzumachen“, wie er im BR-Interview sagt. Typisch Stückl, denke ich. Bei ihm ergibt sich der Mensch nicht seinem Schicksal, sondern er übernimmt Verantwortung, denkt nach, diskutiert, streitet, gibt nicht auf. Wird es am Ende gut werden? In der Aufführung hat Tyll das letzte Wort: „Weißt du, was besser ist? Noch besser als friedlich sterben? Nicht sterben – leben.“ Stimmt! #Tyll #Theater #Oberammergau 1: Mit Christian Stückl vor der Premiere. 2: Das Ensemble beim Schlussapplaus. 3: Tyll auf dem Seil.