Post by Udo Hahn
Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing | Pfarrer | Publizist | Moderator | Netzwerker | Impulsgeber | Vermittler
Was ist gute Führung? In meinem Berufsleben als Pfarrer und Journalist habe ich sehr unterschiedliche Führungstypen erlebt. Von Beginn an stellte ich mir die Frage, wie ich selbst in bestimmten Situationen handeln würde, welchen Prinzipien ich folgen, welchen Führungsstil ich entwickeln will. Schnell habe ich gemerkt, dass Führungsverantwortung nicht erst beginnt, wenn man eine Abteilung oder ein Unternehmen leitet. Eine Erkenntnis war und ist: Führung kann, ja, muss man lernen. Und dieser Lernprozess hört nie auf. Selbstreflexion, Erfahrungsaustausch, Supervision, Coaching – dies alles und noch viel mehr gehört zwingend dazu. Auch und gerade in der Kirche. In Politik und Wirtschaft wird Führung – Leadership – schon lange bewusst reflektiert. In den Kirchen geschieht dies noch immer viel zu wenig. Zu diesem Ergebnis kommt Emmanuela Kohlhaas. Sie ist Nonne und war Priorin einer Benediktinerinnengemeinschaft. 2022 hat sie ihre Erfahrungen in einem sehr persönlichen Buch vorgelegt. Es trägt den Titel „Die neue Kunst des Leitens. Wie Menschen sich entfalten können“. Es zählt für mich zu den wichtigsten Büchern zum Thema. Sie kennt sich aus, denn sie ist auch Coach und Organisationsberaterin. Schonungslos beschreibt sie das kirchliche Leitungsversagen. Einzelne haben da zu viel Macht. Kohlhaas spricht an, was in den Kirchen nach wie vor ein Tabu und vielleicht der Kern des Themas ist: dass die Verführung der Macht darin besteht, die eigene Person mit einem Amt aufzuwerten. Umso mehr braucht es die bewusste Reflexion von Leitungsaufgaben und Führungsprofilen. Ein Leitungsamt – auf welcher Ebene auch immer –, so die Priorin, sei nichts für Menschen mit einem schwachen Selbstwertgefühl, die in so einer Funktion Identität, Bestätigung und Anerkennung suchen. Und es sei schon gar nichts für Narzissten, die auch in kirchlichen Leitungsämtern anzutreffen sind, wie Emmanuela Kohlhaas es beschreibt. Denn, so ihre Warnung an alle, die nach Macht streben: „Das Ego darf sich nicht an der Rolle mästen und aufblähen.“ Was also ist gute Führung? Der frühere Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, plädierte 2022 in einem Vortrag für einen transformativen Führungsstil. Wer so leite, gebe den Mitarbeitenden mehr Entscheidungskompetenzen und bewege sie dazu, ihre eigenen Interessen einzubringen. Mir ist dieser Ansatz im kirchlichen Kontext sehr sympathisch und für meine Arbeit hilfreich. Bedford-Strohm entwickelte in diesem Zusammenhang zehn Thesen, deren stärkste und wichtigste aus meiner Sicht diese ist: „Führung verträgt kein autoritäres Verhalten.“ Dies sei ein Zeichen innerer Schwäche. Umgekehrt ist es wichtig, so könnte man ergänzen, eigene Schwächen und Fehler offen anzusprechen und was man aus Krisensituationen selbst gelernt hat. Diese Offenheit zeichnet aus meiner Sicht gute Führung aus. Wie denken Sie darüber? #Führung #Leadership Udo Hahn (Foto: Harry Stahl) | Buchcover Emmanuela Kohlhaas