Post by Timo Kranzusch
Buchstaben und Ideen, die da anfangen, wo die KI aufhört
Ich kratze und beiße, wenn es um Sprache geht. (Und beim Kampf um das letzte Kinderpingui.) Da war zum Beispiel dieser Fruchtsafthersteller, der im Claim einen Rechtschreibfehler hatte. Äh, Rechtschreibfehler, im Claim, habe ich denen gesagt. Das wollen wir doch ändern, gell? Nein, rief es aus der Chefetage, um Gottes Willen, das bleibt, wie es immer war. Ich habe jetzt keine Ahnung, warum irgendein Gott wollen sollte, dass in einem Claim ein Rechtschreibfehler verbleibt, aber gut. Also nicht gut. Ich werfe mich auf den Boden, weine und rolle mich hin und her, damit klar wird, wie gravierend diese Entscheidung für das Gemüt der Menschen im Land der Dichter und Denkerinnen ist. Aber ich beiße auf Alufolie. Machen wir nicht, wollen wir nicht, Diskussion beendet. Very well, sage ich in diesen Situationen, ich habe es versucht. Denn die Kundinnen, das sehe ich jedenfalls immer noch so, sind Königinnen. Der Kunde auch. Sie bezahlen schließlich meine Rechnung. Ich sage also meine Meinung, berate nach bestem Gewissen, kämpfe bis zum Umfallen für die richtigen Worte am richtigen Ort und dafür, dass die Gestaltung diese Worte nicht wie so oft in komplett verpfuschte Designs quetscht. Dringe ich damit nicht durch, verliere ich sportlich und versuche mein Bestes, um das Schlimmste zu verhindern. Mehr kann ich nicht tun. So blieb damals, was war und ich bin ausnahmsweise froh, dass mein Ghostwriter-Job dafür sorgt, dass niemand meinen Namen mit diesem durch die Generationen getragenen Rechtschreibungsverbrechen in Verbindung bringen kann. Wenn sie mal wieder mit meinen Texten einen Preis gewonnen und mich dabei unerwähnt gelassen haben, sehe ich das in einem anderen Licht. Aber dazu, genau wie zum Kirmesveranstaltungscharakter der großen Werbepreise, ein andermal mehr. PS: Wer hat es in eure Das-ist-mir-mal-passiert-Ungeheuerlichkeiten-Top-10 geschafft? Sollten wir Preise dafür verleihen?