Post by Hermann-Josef Tenhagen

Finanztip Chefredakteur und Geschäftsführer

Diese Woche vor 40 Jahren hat sich mein berufliches Leben verändert. Nicht zufällig wie ein Schmetterlingseffekt. Ich bin heute Chefredakteur von Finanztip, auch weil der Reaktor von Tschernobyl 1986 explodiert ist. Schon davor wollte ich von der langweiligen Bonner Uni zur spannenden FU in Berlin. Nach der Reaktorkatastrophe habe ich erkannt, wie ich mit Journalismus die Leserinnen und Leser so viel schlauer machen kann, dass sie richtige Entscheidungen treffen. Dass ich das schon als Student kann, wie viel besser erst als Kommunikationsprofi. Das hat mich nie wieder losgelassen. Es begann mit Fragen zur Energieversorgung. Ich hörte in Deutschland, Atomkraft sei zu teuer. In den USA erfuhr ich: Genau deshalb will dort kaum jemand neue Kraftwerke bauen – zumindest nicht ohne massive Subventionen. Ich studierte in Texas und begegnete dort Ranchern, die bereit gewesen wären, mit Waffen gegen Atommüll-Endlager vorzugehen. Dagegen waren die Kreuzberger Autonomen in Wortwahl und Bewaffnung harmlose Gesellen. Über die Atomkraft kam ich zur taz. Ich lernte viel über die Kraft von Argumenten beim Aufbau des Ressorts Wirtschaft und Umwelt. Wirtschaft verstehen und erklären können, das ermöglicht wirtschaftlichen Sachverstand und gewollte gesellschaftliche Entscheidungen bestmöglich zu koppeln. Diese Koppelung trug mich dann von der taz in die Chefredaktion bei der Stiftung Warentest und schließlich zu Finanztip. Was mich bis heute antreibt: Journalismus muss komplexe Themen so verständlich machen, dass Menschen fundierte Entscheidungen treffen können. Das geht, ich arbeite seit 30 Jahren daran. Wer sagt, solche Entscheidungen sollten allein Experten überlassen werden, unterschätzt die Menschen oder verfolgt eigene Interessen. Demokratie heißt, dass Bürger informiert entscheiden können. Diese Republik hat sich in zwei Anläufen klug für den Ausstieg aus einer gefährlichen Technologie entschieden, weil die Menschen das Risiko verstanden haben. Jetzt stehen wir vor der nächsten großen Aufgabe: bessere Entscheidungen in der privaten Altersvorsorge und im Gesundheitssystem. Unsere Aufgabe als Journalistinnen und Journalisten ist es, diese Grundlage zu schaffen: klar, verständlich, ohne Nebelkerzen. Denn Verbraucher wissen, dass Entscheidungen auch unbequem sein können. Sie wollen nicht getäuscht werden – weder von Konzernen noch von Politik oder Lobbygruppen. Warum reden wir seit Wochen über 17 Cent weniger pro Liter Sprit für zwei Monate, während China in einem Monat so viele Solarzellen exportiert wie Spanien in 30 Jahren verbaut hat? Für Erkenntnis ist es in Demokratien und Politik nie zu spät. Und auch nicht bei Deinen finanziellen Entscheidungen. Die Halbwertszeit falscher Finanzentscheidungen aus der Vergangenheit ist zum Glück deutlich kürzer als die der Strahlung von Tschernobyl. Entscheide Dich richtig. Wann hattest Du Deinen Moment der beruflichen Klarheit?

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