Post by Susanne Pauli
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Eine Entwicklung unserer Zeit macht mich nachdenklich: Immer häufiger wird Menschen erklärt, warum sie benachteiligt, machtlos oder Opfer äußerer Umstände sind. Natürlich existieren Ungerechtigkeiten. Das hat niemand ernsthaft bestritten. Der Psychologe Albert Bandura prägte den Begriff der Selbstwirksamkeit. Menschen wachsen, wenn sie daran glauben, Herausforderungen aus eigener Kraft bewältigen zu können. Wer sich als handlungsfähig erlebt, entwickelt Mut, Resilienz und Leistungsbereitschaft. Ähnlich argumentierte Julian Rotter mit seinem Konzept des Locus of Control: Erfolgreiche und widerstandsfähige Menschen besitzen häufig einen starken inneren Kontrollfokus. Sie glauben, Einfluss auf ihr Leben zu haben, statt sich überwiegend als Spielball äußerer Kräfte zu sehen. Das Gegenteil kann gefährlich werden. Der Psychologe Martin Seligman zeigte mit seinen Forschungen zur erlernten Hilflosigkeit, dass Menschen empfindlich auf Botschaften reagieren, die ihnen ständig Gefahren, Benachteiligungen und Verletzlichkeit vor Augen führen. Wer Menschen fortlaufend erklärt, welche Worte sie verletzen könnten, welche Bilder problematisch sind, welche Mikroaggressionen überall lauern und welche gesellschaftlichen Strukturen sie bedrohen, verändert ihren Blick auf die Welt. Sie sehen nicht mehr zuerst Chancen, sondern Risiken. Nicht Möglichkeiten, sondern Kränkungen. Nicht ihre Handlungsspielräume, sondern ihre Verletzlichkeit. Der gesamte Fokus verändert sich, es werden überall Angriffe und Bedrohungen wahrgenommen. Das Ergebnis ist keine stärkere Gesellschaft. Es sind unsicherere Menschen, die häufiger Schutz, Regulierung und Kontrolle einfordern. Stärke entsteht anders: Menschen werden stark, wenn man ihnen zutraut, mit Meinungsverschiedenheiten, ungeschickten Formulierungen, Widerständen und Herausforderungen umzugehen. Nicht jede Irritation ist ein Angriff. Nicht jede Kränkung ein Trauma. Nicht jede Ungleichheit ein Beweis für Unterdrückung. Eine freie Gesellschaft braucht selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger – keine Menschen, die sich permanent als gefährdet wahrnehmen. Genau deshalb halte ich wenig von einem gesellschaftlichen Narrativ, das Menschen vor allem über ihre Verletzlichkeit, Benachteiligung oder Opferrolle definiert. Eine starke Gesellschaft entsteht nicht durch möglichst viele Menschen, die sich als Opfer verstehen. Nach 25 Jahren in meiner Werbeagentur mit mutigen Machern sowie seit 2015 zusätzlich in meiner therapeutischen Arbeit als Heilpraktikerin habe ich eines immer wieder erlebt: Menschen werden nicht stark, weil man sie schützt. Sie werden stark, weil man sie ermutigt. Mit wachsender Selbstwirksamkeit verändern sich Haltung, Ausstrahlung und Auftreten. Wer sich selbst vertraut, setzt klarere Grenzen, kommuniziert souveräner und gerät deutlich seltener in destruktive Dynamiken. Viele Formen von Mobbing, Abwertung und Zurückweisung verlieren ihre Macht, wenn Menschen lernen, in ihrer eigenen Kraft zu stehen.