Post by Stephan Kochs
Creative Director | Consultant, Strategist, Speaker, Podcaster, Author | Crafting Bold Designs at the Intersection of Culture and Tech
Sorry, wir müssen nochmal über KI, Kreativität und Blauäugigkeit reden. Mich nervt noch nicht mal die Technologie, sondern die ganze Erzählung mit der sie daher kommt. Die permanente Behauptung, Kreativität werde jetzt „besser“, weil der Weg von der Vision zum Ergebnis immer kürzer wird. Nur, das ist kein Fortschritt. Das ist ein fundamentales Missverständnis davon, wie Kunst, Design und Originalität funktionieren. Natürlich sehen die Tech Bros das anders. Aus ihrer Sicht ist Kreativität nur ein Logistikproblem: Vorne Idee rein, hinten Produkt raus. Aus die Maus. Alles dazwischen ist Reibung, Ineffizienz und gehört damit wegoptimiert. Als Gegenreaktion auf dieses algorithmische Einerlei werfen wir als Kreative jetzt Geschmack, Stil und die jahrzelange Entwicklung unserer Ästhetik in die Waagschale. Das ist quasi unsere Brandmauer gegen das Gleiche vom Selben einer KI. Und da ist es fast schon rührend, wie Typen wie Mark Zuckerberg oder Sam Altman jetzt auch ununterbrochen über „Taste“ schwadronieren. Und sich gleich mal umstylen, denn ausgerechnet die Silicon Valley Riege läuft jetzt vielfach rum wie schlecht beratene K-Pop Stars. Da werden klobige Goldketten umgehängt, die sechsstellige Uhr angelegt und oversized geschnittene Designer-Shirts getragen. So, als müsste man sich den fehlenden kulturellen Tiefgang im Expressverfahren überstülpen. Man kauft sich Street Cred von der Stange und glaubt ernsthaft, man hätte damit das Prinzip von Ästhetik verstanden. Nice try Bro! 👊 Stil und Geschmack kann man sich eben nicht herbeiprompten. Ebenso wenig wie Skills. Für die sind aber Fähigkeiten vor allem mit lästigen Latenzen verbunden. Wenn sie könnten, würden sie sich Skills direkt ins Gehirn laden. Fähigkeiten entstehen aber nicht so, sondern durch Wiederholung, durch grandioses Scheitern und das ständige Überprüfen der eigenen Annahmen. Wir neigen dazu, den Wert der Fleißarbeit zu unterschätzen und fallen daher gerne auf die Stories aus dem Silicon Valley Kapitalismus rein. Aber jedes nicht selbst gemachte Stück ist eine vertane Chance, sich zu entwickeln. Wer sich dauerhaft jede Anstrengung abnehmen lässt, spart heute vielleicht fünf Minuten, nimmt sich selbst aber die Chance, morgen überhaupt noch etwas Relevantes kreieren zu können. Kreativität lebt vom glücklichen Unfall, davon, dass Ideen krachend gegen die Wand fahren, verworfen und neu gedacht werden müssen. Denn Kreativität entsteht nicht trotz der Fehler, sondern genau wegen ihnen. Weil sie uns zwingen, die ausgetretenen Pfade im Kopf zu verlassen. Kreativität ist kein Output, den man per Prompt bestellt. So wie Stil keine Goldkette ist, die man sich umhängt, um Geschmack zu simulieren. Skills entstehen nicht dadurch, dass wir den Weg zum Ergebnis verkürzen, sondern dadurch, dass wir ihn verdammt noch mal gehen. Und daher ist es völlig egal, ob KI uns Zeit spart! #ki #geschmack #kreativität