Post by Sophie-Theres Guggenberger
Executive Advisor for Corporate Reputation | CEO Communications | Public Affairs | Building Trust in Times of Change
Neulich auf dem Weg zur Arbeit bin ich wie jeden Morgen über die Schillingbrücke geradelt, Blick nach rechts zum Fernsehturm, nach links Richtung Oberbaumbrücke. Vor mir an der Kreuzung Engeldamm-Köpenicker Straße schaltet die Ampel um auf Rot. Mein Kopf ist voller Themen, Ideen, Termine, großer und kleiner Sorgen. Vieles scheint lösbar, anderes muss ich umplanen, neudenken. Rechts vor mir auf dem Gehweg steht eine Gruppe von zehn-zwölf Menschen. Jung und Alt. Auf dem Boden ein Handwerker im Blaumann. Es ist heiß, die Sonne brennt schon jetzt. Drei goldglänzende quadratische Steine werden vorsichtig in das Pflaster eingesetzt. Stolpersteine. Mein Gedankenkarussell stoppt blitzartig. Und mein Blick fällt auf die goldenen Steine. Sie ziehen mich magisch an. Welche Geschichte steckt dahinter? Welche Menschen? Welche Schicksale? Die Ampel schaltet um auf Grün und die Radkolonne rast an mir vorbei. Ich habe mein Fahrrad bereits auf den Bürgersteig geschoben und im Schatten abgestellt. Neben mir steht eine junge Frau, Anfang 30. Wir kommen ins Gespräch. Sie ist über einige Ecken mit diesen drei Menschen verwandt: Hedwig Levy, Gustav Levy und Hans Levy. Ihre Mutter Annette Beetz habe diese Stolpersteinlegung initiiert. Auch sie steht heute hier. Mehr als 126.000 dieser kleinen Stolpersteine liegen inzwischen in ganz Europa, davon rund 90.000 in Deutschland, in Berlin sind es aktuell über 12.000. Initiator ist der Künstler Gunter Demnig, der seine Idee erstmals im Jahr 1993 in Köln umsetzte. Diese flüchtige Begegnung hat mich sehr bewegt. Rausgerissen aus den Alltagsgedanken. Für einige Minuten. Wie wichtig ist es, sich daran zu erinnern. Was einmal war und niemals wieder geschehen darf. Niemals zu vergessen. Menschen wie Annette Beetz sorgen dafür, dass die Erinnerung lebendig bleibt. Erinnerung allein verändert die Vergangenheit nicht. Aber sie verändert unseren Blick auf die Gegenwart. Und vielleicht auch die Entscheidungen, die wir heute treffen. Seit diesem Morgen fällt mein Blick auf dem Weg ins Büro immer auch auf diese drei goldenen Steine. Ich denke an Hedwig, Gustav und Hans Levy. Und ich erzähle meinen Kindern von ihnen. Vielleicht beginnt Erinnerung genau so – im Vorbeigehen, in einem Gespräch, das weitererzählt wird.