Post by Rainer Grill

Arbeiten oder Spaß haben? Ich will beides - gleichzeitig!

Je größer die Bühne, desto kleiner wird die Fehlertoleranz. In den vergangenen Tagen wurde intensiv darüber diskutiert, ob der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Reichardt einen Hitlergruß gezeigt hat oder nicht. Ich habe die Berichterstattung gelesen und das Foto gesehen. Mein erster Gedanke war: Das ist doch der falsche Arm. Weil ich mir nicht sicher war, habe ich anschließend online gesucht. Dabei bin ich auf die juristische Bewertung gestoßen, dass inzwischen auch entsprechende Gesten mit dem linken Arm als Verwendung eines Kennzeichens verfassungswidriger Organisationen gewertet werden können. Für viele Menschen klingt das vermutlich nach einer Nebensächlichkeit. Mir kam dabei etwas anderes in den Sinn. Als wir vor fast sechs Jahren mit TikTok begonnen haben, habe ich bei Trends und Videos immer darauf geachtet, weder den rechten noch den linken Arm gestreckt nach vorne zu heben. Selbst wenn eine Bewegung völlig harmlos gemeint war. Wenn überhaupt, dann eher seitlich. Der Grund war einfach: Ein einzelner Screenshot aus einer flüssigen Bewegung kann einen völlig falschen Eindruck erzeugen. Wenn selbst ich als politisch nicht aktiver Mensch auf solche “Foto-Fallen” geachtet habe, dann erwarte ich von Politikern, die dauerhaft im öffentlichen Fokus stehen, noch mehr Sorgfalt. Dabei geht es nicht nur um Gesten. Vor einigen Jahren schrieb ich einmal in einem Online-Kommentar scherzhaft den Satz “Jedem das Seine”. Mein Lateinlehrer wäre vermutlich stolz gewesen, dass ich mich noch an “suum cuique” erinnerte. Ein Leser wies mich freundlich darauf hin, dass dieser Satz im Nationalsozialismus missbraucht wurde und über dem Eingang des Konzentrationslagers Buchenwald stand. Das wusste ich damals nicht. Den Kommentar habe ich selbstverständlich gelöscht. Ähnlich ging es mir mit meinem LinkedIn-Profil. Dort hatte ich vor vielen Jahren stehen, dass ich ein “Querdenker” sei. Damals war das ein positiv besetzter Begriff für Menschen, die anders denken. Die spätere Querdenker-Bewegung gab es noch nicht. Erst während der Corona-Zeit machte mich ein Journalist darauf aufmerksam, wie diese Formulierung inzwischen verstanden wird. Mir war das unangenehm und ich habe sie sofort entfernt. Beide Beispiele zeigen: Nicht jeder Fehler geschieht absichtlich. Aber sie zeigen auch etwas anderes. Wer öffentlich sichtbar ist - als Politiker, Unternehmer, Journalist oder Influencer - muss sich bewusst machen, dass Gesten, Begriffe und Symbole oft anders wahrgenommen werden als beabsichtigt. Je größer die öffentliche Bühne wird, desto größer wird auch die Verantwortung für die eigene Wirkung. Dabei geht es nicht darum, hinter jedem Wort oder jeder Bewegung eine böse Absicht zu vermuten. Es geht darum, sich bewusst zu machen, dass öffentliche Kommunikation nicht nur aus dem besteht, was man sagen oder zeigen möchte. Sie besteht auch aus dem, was andere darin sehen.

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