Post by Raimund Neuß

Chefredakteur im Heinen-Verlag, ehemals bei der Kölnischen Rundschau. Gastautor beim Kölner Presseclub. Hier privat unterwegs.

Das bleibt auf jeden Fall: Der Kölner Altphilologe und Papyrologe Jürgen Hammerstaedt präsentiert mit einem guten Schuss Selbstironie die unten offene eckige Klammer - ein textkritisches Zeichen, das er gegen viele Widerstände bei der Edition der Papyri aus Herculaneum durchgesetzt hat. Es markiert Buchstaben, die zwar auf Abzeichnungen, aber nicht mehr auf den Schriftrollen selbst zu sehen sind. Passenderweise war die Philosophische Fakultät mit dem Prodekan für den wissenschaftlichen Nachwuchs bei Hammerstaedts Abschiedsvorlesung vertreten, denn der angehende Emeritus hatte einiges anzukündigen: Es geht weiter in der Herculaneum-Forschung, an der er führend beteiligt ist. Nicht nur für Philologen und Historiker, sondern auch für Naturwissenschaftler war es hochspannend zu hören, wie verkohlte Schriftrollen per Röntgenscan-Mikrotomografie lesbar gemacht werden können (siehe: https://lnkd.in/emHvwtG3). Das andere große Lebensthema ist die philosophische Inschrift des Epikuräers Diogenes von Oinoanda aus Lykien in der heutigen Türkei, die nach und nach in den Ruinen der Stadt in 1500 Metern Höhe geborgen wird. Nach wie vor unübertrefflich der Filmausschnitt, auf dem Hammerstaedt nach dem Rupfen von Gebüsch die an seinem Institut bis heute gern zitierte Frage stellt: „Wo ist meine Abklatschbürste?“ Mit einiger Erleichterung wird Hammerstaedts Publikum die Nachricht vernommen haben, dass die Universität zu Köln jetzt immerhin eine "W1-W3-Tenure-Track-Professur" für Gräzistik ausschreibt, an der seine Arbeit langfristig weitergeführt werden kann. Der komplizierte Titel dieser Konstruktion zeigt schon, wie schwer es durchzusetzen war, dass es überhaupt eine Nachfolgeregelung gibt - und das in einer Stadt, die selbst Teil eines historischen Kulturraums ist, der vom Rhein über die europäischen Mittelmeerländer bis nach Vorderasien und Nordafrika reicht.

Post content