Post by Prof. Dr. Gerhard Nowak
💡 Veranstaltungsexperte der Wirtschaftsforen - die Denktankstellen für Entscheider 🎓 Gründungsprofessor der IST-Hochschule für Management sowie 👉 Wegweiser an der Schnittstelle zwischen Bildung und Wirtschaft
Das "eiskalte Händchen der Wirklichkeit"... ... ist für mich ein zentraler Satz der ausgezeichneten Rede von Christian Droste (Charité - Universitätsmedizin Berlin). Als "Rede des Jahres 2025" dient sie als Pflichtlektüre für Wissenschaftler:innen in allen Forschungsgebieten. Die Rede ist im Kern ein Plädoyer gegen eine folgenlose Binnenorientierung der Wissenschaft, und damit hochrelevant auch für Sportökonomie und Sportmanagement. Seine zentrale These, dass Lehre und Forschung nicht um ihrer selbst willen existieren dürfen, sondern immer in Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Demokratie stehen, trifft unser Feld besonders, weil wir mitten in einem ökonomisch aufgeladenen, medial dramatisierten und emotional übersteuerten System arbeiten. Was Droste für die Medizin beschreibt, gilt im (Spitzen-)sport ebenso: Die Versuchung, unbequeme Wirklichkeit durch bequeme Narrative zu ersetzen, ist dort systemisch angelegt. Begriffe wie „Pech“, „unglückliches Ausscheiden“ oder „fehlendes Spielglück“ überdecken schnell strukturelle Probleme, von Talentförderung und Verbandsstrukturen über Trainings- und Belastungssteuerung bis hin zu einem Rückstand bei der Umsetzung sportwissenschaftlicher Erkenntnisse. Mit Drostes Bild vom „eiskalten Händchen der Wirklichkeit“ wirkt das aktuelle Ausscheiden der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM wie ein Lehrbeispiel. Die Realität des internationalen Spitzenfußballs ist gnadenlos messbar: in Intensität, taktischer Qualität, Nachwuchsarbeit, Governance. Wenn trotzdem Erklärungen dominieren, die eher Emotionen, Stimmungen oder kurzfristige Personaldebatten bedienen, dann zeigt sich genau jenes „Verlieren des Gefühls für die Realität“, das Droste beschreibt. Für uns bedeutet das: Unsere Aufgabe endet nicht bei der Bereitstellung von Kennzahlen und Analysen, sondern beginnt bei der aktiven Verteidigung des Faktischen gegen postfaktische Deutungen, ökonomische Scheinzwänge und mediale Erzählmuster. Droste weist zudem darauf hin, dass das Wissenschaftssystem uns eher auf Output als auf Courage und gesellschaftliches Engagement selektiert. Das passt auch zu unserer Community: Es ist bequem, sich auf Publikationen, Drittmittel und Auftragsgutachten zu konzentrieren und die konflikthaften Deutungsfragen des Spitzensports anderen zu überlassen - der Link zum ganzen Video in den Kommentaren. Drostes Rede ernst zu nehmen heißt deshalb: Wir betreiben Sportforschung nicht nur „über“ das System Sport, sondern auch „für“ eine verantwortliche, demokratisch anschlussfähige Sportpraxis. Und wir bilden Studierende nicht nur zu Managern, sondern zu Akteuren aus, die gelernt haben, dass das „eiskalte Händchen der Wirklichkeit“ stärker ist als jede kurzfristig bequeme Geschichte – auf dem Platz ebenso wie im öffentlichen Diskurs. IST-Hochschule für Management
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