Post by Prof. Dr. Bernhard Meyer
Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie, TUM Klinikum Rechts der Isar, Forschung an Hirn-Computer-Schnittstellen (BCIs), Translation von Neurotechnologie in die Praxis
Diejenigen, die am meisten zur Forschung beitragen, profitieren oft am wenigsten davon. Dieser Satz begleitet mich seit Jahren in der Neurochirurgie. Und er ist in der Neurotechnologie Realität. In unserer translationalen Forschung an der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am TUM Klinikum Rechts der Isar arbeiten wir mit Menschen, deren Leben sich durch neurologische Erkrankungen radikal verändert hat: - nach Schlaganfällen - nach Rückenmarksverletzungen durch einen Unfall - durch schwere Schädigungen des Nervensystems. Ich vermeide in diesem Kontext bewusst den Begriff „Patienten“. Denn die Menschen, die wir in Studien begleiten, sind weit mehr als das. Sie sind Mitgestalter eines Fortschritts, der ohne sie nicht existieren würde. Sie entscheiden sich zur Teilnahme – nicht aus einem unmittelbaren persönlichen Nutzen heraus. Sondern, weil sie dazu beitragen wollen, dass sich für andere in der Zukunft etwas verändert. Das ist keine abstrakte Idee. Das ist die Grundlage unserer Arbeit in der Neurotechnologie. In der Forschung zu Hirn-Computer-Schnittstellen (BCIs) wird diese Verantwortung sehr konkret: - 2025 haben wir erstmals in Europa einem Menschen mit hoher Querschnittslähmung eine Hirn-Computer-Schnittstelle mit 256 Mikroelektroden implantiert. Unser Ziel für ihn und weitere Betroffene: mehr Unabhängigkeit und Lebensqualität durch die Entwicklung gehirngesteuerter Assistenzsysteme. - Bereits 2022 gelang uns weltweit erstmals eine solche Implantation bei einer Frau mit schwerer Sprachstörung (Aphasie) nach einem Schlaganfall. Unser Ziel für sie und weitere Betroffene: durch elektrische Mikrostimulation und Neurofeedback die Sprachnetzwerke ihres Gehirns präzise zu beeinflussen und sie beim Wiedererlangen ihrer Sprache zu unterstützen. Besonders bewegt hat mich, dass unsere Studienteilnehmerin mit Aphasie nun ihr erstes Interview gegeben hat, zusammen mit Laura Schiffl und Simon Jacob. Es ist im Deutschlandfunk nachzuhören, und zeigt eindrücklich, was unsere Forschung im Leben eines einzelnen Menschen bewirken kann. Den Link finden Sie in den Kommentaren. Unsere Studienteilnehmer sind Teil unseres Teams. Denn Fortschritt in der Neurotechnologie entsteht nicht durch Technologie allein, sondern vor allem durch Menschen, die bereit sind, Teil eines Weges zu werden, dessen Ergebnis sie selbst vielleicht nie vollständig erleben werden. Daraus ergibt sich auch unsere Verantwortung für die Zukunft. Unsere klare Ambition: Bis 2030 wollen wir in München den führenden europäischen Hub für Hirn-Computer-Schnittstellen etablieren – in Forschung, klinischer Anwendung und industrieller Translation. Wir schaffen eine offene, interdisziplinäre Plattform, die Wissenschaft und Industrie zusammenbringt, eingebettet in klare ethische und klinische Leitplanken. Fotos: Heidi Willmann