Post by Prof. Dr. Bernhard Meyer
Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie, TUM Klinikum Rechts der Isar, Forschung an Hirn-Computer-Schnittstellen (BCIs), Translation von Neurotechnologie in die Praxis
Die spannendste Frage der Neurotechnologie ist nicht, was wir können, sondern was wir tun sollten. Dieser Gedanke hat unsere Diskussion heute auf der DLD Health (DLD Conference) x BAIOSPHERE geprägt. Hirn-Computer-Schnittstellen (BCIs) sind keine Zukunftsvision mehr. Entscheidend ist, wie wir eine Technologie gestalten, die unsere Medizin verändern und unser Verständnis von Menschsein herausfordern wird. Über Chancen, Grenzen und Verantwortung haben wir vorhin mit Rainer Birkenbach (Brainlab), Caroline Emmer De Albuquerque Green (Institute for Ethics in AI, Oxford), Lorenzo Masia (Munich Institute of Robotics and Machine Intelligence (TUM MIRMI)), Simon Jacob (TUM) und unserem Pionier Michi Mehringer gesprochen. Durch unsere translationale Forschung an der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am TUM Klinikum Rechts der Isar und der Technische Universität München erleben wir bereits, was Neurotechnologie möglich machen kann: Menschen mit schweren neurologischen Erkrankungen eröffnen sich neue Wege zu Kommunikation, Bewegung und mehr Teilhabe. Nach Schlaganfall oder bei Querschnittslähmung kann die Verbindung zwischen Gehirn und Maschine helfen, verlorene Funktionen zurückzugewinnen. Ein besonderer Dank gilt heute Michi Mehringer. Er ist der europaweit erste Mensch mit Querschnittslähmung mit einer Hirn-Computer-Schnittstelle mit 256 Mikroelektroden. Im Juli haben wir ihn operiert. Vorhin hatte er seinen ersten großen Auftritt im Blitzlichtgewitter. Er hat ihn souverän gemeistert. Seine Offenheit und Stärke ist nicht selbstverständlich. Wir sind stolz, ihn begleiten zu dürfen. Gleichzeitig müssen wir weiterdenken: Technologien, die heute helfen, verlorene Fähigkeiten wiederherzustellen, werden morgen Fragen nach Erweiterung und Verbesserung des Menschen aufwerfen. - Wo verläuft die Grenze zwischen gehirngesteuerten Assistenzsystemen und Human Enhancement? - Wer besitzt die Daten unseres Gehirns? - Welche Regeln brauchen wir für eine Zukunft, in der Maschinen immer enger mit menschlichem Denken verbunden sind? Forschung und Entwicklung können nur im Zusammenspiel von Medizin, Neurowissenschaften, KI, Robotik und Ethik gelingen. Wir verstehen uns als Treiber der BCI-Forschung: Bis 2030 wollen wir in München den europaweit führenden Hub für Hirn-Computer-Schnittstellen aufbauen – mit starken Partnerschaften zwischen Klinik, Wissenschaft und Industrie. Auch Ministerpräsident Dr. Markus Söder betonte die strategische Bedeutung unserer translationalen Forschung für Bayern. Neurotechnologie bietet die Chance, Leben zu verbessern – durch neue medizinische Möglichkeiten, mehr Teilhabe und bessere Versorgung. Gleichzeitig geht es um wirtschaftliche Stärke und darum, Innovation aktiv mitzugestalten. Meine Überzeugung: Wir dürfen die Neurotechnologie weder verklären noch verdrängen. Das Upgrade gesunder Menschen können wir nicht aufhalten, aber wir können entscheiden, nach wessen Regeln es stattfindet. Fotos: Heidi Willmann