Post by Norbert Benning

Dendrologe & Sachverständiger | Europa-zertifiziert (ISO IEC 17024) & FLL-geprüft | Baumdiagnose & dendrologische Baubegleitung

Dendrologische Forensik: Wenn Stadtbäume gezielt geschädigt werden Baumfrevel ist kein neues Phänomen. Neu ist möglicherweise, dass er heute häufiger sichtbar wird. Der Druck auf den öffentlichen Raum nimmt zu. Konflikte um Schatten, Laub, Bauvorhaben, Parkplätze, Grundstücksnutzung und Nachbarschaftsinteressen nehmen ebenfalls zu. Gleichzeitig ist die Baumkontrolle professioneller geworden. Was vor 10 oder 20 Jahren vielleicht noch als „Baum ist eingegangen“ verschwunden wäre, wird heute dokumentiert, verglichen und fachlich nachverfolgt. Genau an diesem Punkt beginnt für mich die eigentliche Arbeit. Ich werde als Dendrologe zunehmend zu städtischen Bäumen gerufen, bei denen nicht mehr nur eine normale Baumkontrolle gefragt ist, sondern eine Art dendrologische Forensik. Es geht dann nicht um die schnelle Frage, ob ein Baum schön, vital oder verkehrssicher ist. Es geht um Spuren: Bohrlöcher, Schnittflächen, Schädigungen im Stammfußbereich, auffällige Verletzungen der Borke, mögliche Einträge in den Wurzelraum, gekappte Jungbäume oder gezielte Eingriffe an Wurzeln. Bei klaren Fällen von Baumvandalismus ist der Baum selbst oft der wichtigste Zeuge. Man muss sich das Schadbild genau ansehen. Wo liegt die Verletzung? Ist sie frisch oder älter? Passt sie zum natürlichen Schadverlauf? Gibt es Werkzeugspuren? Gibt es Hinweise auf chemische Einwirkung? Sind Kambium, Leitgewebe oder Feinwurzelbereich betroffen? Entwickelt sich die Krone auffällig? Gibt es Vitalitätsverluste, die zeitlich zum Eingriff passen? Und vor allem: Welche Folgen entstehen nicht sofort, sondern erst in den kommenden Monaten oder Jahren? Baumfrevel ist fachlich deshalb so schwierig, weil die Wirkung oft zeitverzögert eintritt. Ein angebohrter oder chemisch geschädigter Baum muss nicht am nächsten Tag absterben. Er kann zunächst weiter belaubt sein und trotzdem bereits massiv geschädigt sein. Genau darin liegt das Problem: Wer nur oberflächlich hinsieht, unterschätzt solche Eingriffe. Mich interessiert an diesen Fällen weniger die moralische Empörung. Die ist verständlich, aber sie ersetzt keine fachliche Bewertung. Mich interessiert die Rekonstruktion: Was ist passiert? Wann kann es passiert sein? Welche Spur ist belastbar? Welche Erklärung ist plausibel? Und welche Folgen hat der Eingriff für Vitalität, Stand- und Bruchsicherheit sowie den Standort? Nicht jeder beschädigte Baum ist Opfer von Vandalismus. Aber nicht jeder vermeintlich natürliche Schadverlauf ist auch natürlich. Zwischen diesen beiden Polen liegt die eigentliche Arbeit: beobachten, prüfen, dokumentieren und fachlich sauber einordnen.

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