Post by Marc Alinski

Ich ruhe mich in Bewegung aus.

Das ganze Leben warten wir, dass irgendwas passiert. Auf den Bus, die Bahn, die Post, den entscheidenden Anruf. Neulich saß ich beim Zahnarzt im Warteraum. Ganz allein. Die Anmeldung nicht besetzt. Nur ein Schild: „Bitte setzen Sie sich. Sie werden aufgerufen.“ Werde ich das wirklich? Ich hatte zwar einen Termin. Aber war überhaupt jemand in der Praxis, der sich um mich kümmern würde? Und so saß ich da: Die Gelassenheit dahin. Zwei Wochen später. Ich war auf dem Weg zur Nordsee, zu meiner kleinen Nord-Ostsee-Kanal-Wanderung. Mit der Bahn. Meine Gelassenheit hatte ich inzwischen wiedergefunden. Der Rucksack war gepackt. Es konnte losgehen. Aber gleich der erste Zug startete mit einem ungeplanten Zwischenhalt. Zwei Fahrgäste, die sich nicht benehmen konnten, sollten aussteigen. Wollten aber nicht. Also warten auf die Bundespolizei. Irgendwann stiegen sie dann doch aus und es ging weiter. Ich hörte währenddessen Musik. Schaute aus dem Fenster. Absolut gelassen. Zweiter Zug. Auch mit Problemen. Keine Hinweise am Zug. Kein Plan, ob ich im richtigen Zug saß. Da das Publikum wie Sylt aussah, blieb ich gelassen. Dann medizinischer Notfall im Zug. Weitere Verspätung. Ich schaute weiter aus dem Fenster und beschloss über Gelassenheit zu schreiben. Eine Tugend. Etwas, was sich wie Glück nicht halten lässt. Etwas, wovon man erst hinterher erkennt, dass man es hatte. Etwas, das man überhaupt nicht ist, wenn man sagt: „Jetzt bin ich gelassen.“ Genauso ging es mir am Tag darauf. Abends der Start der Wanderung. 21 Uhr. Meine einzige Aufgabe für den Tag entspannen. Einfach nicht bewegen. Vielleicht etwas schlafen. Nichts tun. Aber je mehr ich es versuchte, desto unentspannter wurde ich. Kann es nicht endlich losgehen? Kann ich nicht einfach etwas früher los? Vielleicht nicht doch ein bisschen Probe laufen? Und plötzlich war mein Thema ein ganz anderes. Nach so viel Grübelei über Gelassenheit merkte ich: Nicht Gelassenheit ist mein Thema. Der Warteraum ist es. Was war der Unterschied zwischen dem Zug und dem Tag auf dem Sofa? Die Richtung? Im Unterwegs-Sein kann ich unglaublich gelassen sein. Probleme? Lösen sich schon irgendwie. Auch wenn ich ihnen nicht gelassen entgegentrete würde, wären sie trotzdem noch da. Was mich aber absolut grillt, ist der stehende Warteraum. Wenn die Zeit scheinbar nicht vergeht. Ich nicht einmal meine Haare wachsen sehe. #ConstantSearch #Gelassenheit #Unterwegs #Warten #NordOstseeKanal

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