Post by Katrin Habermann
Ich entlaste Führungskräfte, indem ich ihre Teams befähige, eigenverantwortlich zu handeln und an einem Strang zu ziehen.
Was für ein Quatsch! Das dachte ich im April, als ich im Optikpark Rathenow vor einem Karpfenteich stand. Überall Holzstege, kreuz und quer, ein Gewirr aus Linien. Wem nutzt das? Doch die Neugier ließ mich nicht los. Ich las die Infotafel, hörte dem Ingenieur zu – und verstand: Die Stege bilden die Planetenbahnen der Berliner Weltzeituhr nach. Jene Uhr vom Alexanderplatz, die 1969 eingeweiht wurde. Gebaut in nur neun Monaten. Mitten in der DDR-Planwirtschaft. (Ich finde es so faszinierend und habe es in einem Video visualisiert. Link im ersten Kommentar) 120 Menschen machten das Unmögliche möglich, denn: Produktionswerke waren Jahre im Voraus durchgeplant. Kein Spielraum für Abweichungen. In meinen Teamcoachings höre ich dafür oft den Begriff „Sonderlocken" – und genau das war diese Uhr: eine riesige Sonderlocke. Und trotzdem: Sie improvisierten mit allem, was sie hatten. Die großen Kugellager? Aus dem Westen beschafft. Den Antrieb für den Stundenring? Ein modifiziertes Trabigetriebe. Sie fanden Wege, wo keine waren. Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe. Wie oft erlebe ich in Teams, dass Projekte scheitern, bevor sie begonnen haben? „Das geht nicht, weil das System..." „Das schaffen wir nie, weil die Vorgaben..." „Das ist eine Sonderlocke, die können wir uns nicht leisten." Ja, vielleicht. Oder? Vielleicht braucht es nur den Mut zu sagen: Wir wollen das. Und dann die Leidenschaft, es trotzdem zu versuchen. Innovation beginnt nicht mit perfekten Bedingungen. Sie beginnt mit Menschen, die trotz allem anfangen. Die mit einem Trabigetriebe die Welt in Bewegung setzen. Ich stand auf diesen Holzstegen, deren Sinnhaftigkeit ich Minuten zuvor noch kopfschüttelnd infrage gestellt hatte – und war ehrfürchtig. Nicht wegen der Konstruktion. Sondern weil ich genauer hingeschaut habe. Weil ich verstehen wollte, was sich hinter dem vermeintlichen Chaos verbirgt. Manchmal lohnt es sich, dem scheinbaren Quatsch eine Chance zu geben. Immer wieder aufs neue.