Post by Kathrin Enzel
Leiterin Stiftung Hanseatisches Wirtschaftsarchiv + Commerzbibliothek bei Handelskammer Hamburg / Stiftung Hanseatisches Wirtschaftsarchiv
Was bleibt – Der Nachlass von Esther Bejarano im Archiv der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg Oder, welchen Beitrag leisten Archive zu einer Erinnerungskultur an die NS-Zeit, gerade und insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen immer weniger werden? Darum ging es gestern Abend in der Forschungsstelle Fur Zeitgeschichte In Hamburg am Beispiel des 2023 in das Archiv der Forschungsstelle übernommenen Nachlasses von Esther Bejerano. Esther Bejarano, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebte, starb am 10. Juli 2021 in Hamburg. Seit Ende der 1970er Jahre war sie im Kampf gegen Neonazismus politisch aktiv, trat als Sängerin mit jüdischen und Widerstandsliedern an die Öffentlichkeit und richtete sich mit ihren Erinnerungen besonders an junge Menschen. Ihr heute vorgestellter Nachlass umfasst Dokumente, Briefe, Fotos, Ton- und Filmmaterial sowie Unterlagen aus ihrem politischen und kulturellen Engagement. Bei der Präsentation ausgewählter Beispiele aus dem Bestand durch Kirsten Schaper, Leiterin des Archivs der Forschungsstelle und Sibylle Baumbach, die den Nachlass in den vergangenen Jahren umfassend geordnet und erschlossen hat, sowie in dem anschließenden Austausch mit den beiden beiden und Oliver von Wrochem (Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen) unter der Moderation von Prof. Dr. Kirsten Heinsohn ging es unter anderem um folgende Fragen: 💠 Worin liegen die Besonderheiten und Grenzen, worin aber möglicherweise auch die Chancen der schriftlichen Überlieferung im Gegensatz zur unmittelbaren Erzählung? 💠 Was heißt es, einen Nachlass zu übernehmen und zu erschließen? Worin bestehen seine Inhalte, Bekanntes und Unerwartetes? 💠 Welche Fragen lassen sich aus heutiger Perspektive an ihn richten und wie könnten die Dokumente zukünftig genutzt werden? Kultursenator Carsten Brosda betonte in seinem Grußwort die Bedeutung des Nachlasses für die Erinnerungskultur, die Forschung und die Bildung – besonders angesichts wachsender antisemitischer und geschichtsrevisionistischer Tendenzen. Mein persönliches Learning: Es ist für uns Archive wichtiger denn je, bewusst und gezielt die Vor- und Nachlässe von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, aber auch (wie in unserem Fall) von Organisationen und Unternehmen zu sichern und bewahren, die in der NS-Zeit tätig waren. Denn nur, wenn möglichst viele dieser Mosaiksteine erhalten sind, lässt sich ein möglichst vollständiges Bild zusammenfügen.