Post by Katharina Schultejans

Geschäftsführerin bei Vielfalt Spricht | Wir entwickeln Kompetenzen

Ich wohne dort, wo niemand wohnen möchte. Dortmunder "Problemviertel" Scharnhorst- Ost (oder wie wir Einheimischen es nennen: „Schannhoas“): 30 % der Menschen hier haben keinen deutschen Pass und schlagen sich mit rudimentären Deutschkenntnissen durch, der Anteil erwerbsloser Menschen liegt bei knapp 20 %. Im Vergleich zu anderen Dortmunder Stadtteilen leben hier seit der letzten Kommunalwahl die meisten AFD-Wählenden und vor zwei Wochen hat es einen Messerangriff direkt neben meiner Haustüre gegeben, bei dem eine Person schwer verletzt worden ist. Schannhoas-Ost eben. 21- Parteien-Komplex, 16 ethnische Zugehörigkeiten, Sprachenvielfalt, Bildungsspektrum von schullos bis studiert, Existenzen von prekär bis gefestigt, Persönlichkeiten von antisozial bis fürsorglich, alles dabei, alles nach Zufallsprinzip miteinander verbunden in einem 1,5-Quadratmeter großen Aufzug. Aristoteles hatte seine Akademie, wir haben diese auf- und absteigende Kammer aus Blech. Gestern befand ich mich mit meiner 17jährigen ukrainischen Nachbarin und ihrem gleichaltrigen Freund in genau diesem Aufzug. Beide kamen an der Fit-X-Tasche erkennbar vom Sport. Sie beschwerte sich jammernd bei ihm über die Schwielen an ihren Händen. Dabei trat ihr starker, ukrainischer Akzent zutage. Ihr Freund, libanesischer Herkunft, nahm eine ihrer zierlichen Hände und pustete kurz liebevoll in Richtung der Innenfläche. Dann sagte er unter Verwendung einer gebrochenen Grammatik: „Du musst weitermachen. Ist egal, wenn es weh tut. Wenn ich kein Sport mache, eine Woche, zwei Wochen, dann macht mir Schmerzen. Ist egal. Ich muss weitermachen. Schmerzen gehen weg. Ist egal. Weitermachen ist wichtig.“ Versteh mich bitte nicht falsch. Auf einer Plattform wie LinkedIn, in der alle aus der Banalität einer Alltagsanekdote tiefenphilosophische Leitlinien für ihren beruflichen Lebensweg ableiten, möchte ich lediglich kleinlaut mitteilen, dass das bürgerliche Wohnzimmer mit seinem eingestaubten Bücherregal, dem Dolby-Surround-System und der perforierten Obstschale vom WMF ein netter Ort für Entspannung, Spiel und gesittete Langeweile ist. Erkenntnis jedoch, die bekommst du außerhalb dessen, was sich für dich angenehm natürlich anfühlt. Möglicherweise sogar übermittelt von einer Person, mit der du auf der Straße niemals zusammenkämest. Gerade aus dieser Überzeugung haben wir Vielfalt Spricht gegründet: Nämlich, dass die wertvollsten Einsichten im Kontakt zu Menschen kommen, denen wir im Alltag keine Aufmerksamkeit schenken würden. Weil wir mit ihnen auf der Straße nicht zusammenkämen. Nur in einem engen Aufzug. Auf- und Abfahrend durch einen 21-Parteienkomplex. Irgendwo in Schannhoas-Ost. Genau dort, wo niemand wohnen möchte. Grischa Drespa, are you with me?

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