Post by Karl-Theodor (KT) zu Guttenberg

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Schluchzende Männer sind angesagt. Ob Fußballer oder Politiker, öffentliches Weinen gilt heute als schick, mindestens als tolerabel. Dabei hieß es bis vor kurzem: Der moderne Alphamann heult nicht. Er lässt weinen - vorzugsweise seine Pressestelle. Beobachten wir einen neuen Trend? Mitnichten. Eher die Rückkehr einer unterdrückten Normalität. Ein Blick in die Bibliothek: Odysseus, der listenreichste Mann der Weltliteratur, sitzt bei Homer sieben Jahre am Strand der Kalypso und weint - täglich, mit Blick aufs Meer. Achill heult derart bitterlich um Patroklos, dass die Götter zusammenzucken. Im Rolandslied rauft sich Karl der Große unter Tränen den Bart, während seine Ritter reihenweise ohnmächtig vom Pferd kippen. Und einer der kürzesten Verse der Bibel lautet schlicht: „Jesus weinte” (Joh. 11,35). Kein Kommentar der Jünger. Man war nicht verstört. Die Träne erschien jahrtausendelang nicht als Schwäche, sondern als Charakterausweis: Wer weinen konnte, zeigte seine Seele. Goethes Werther ließ noch einen ganzen Kontinent junger Männer in Tränen ausbrechen. Erst das neunzehnte Jahrhundert erfand den trockenen Mann. Konzern, Kaserne, Kontor - die Träne wurde wegrationalisiert wie alles ohne messbare Rendite. „Ein Junge weint nicht” ist keine ewige Wahrheit, sondern eine industrielle Norm, ungefähr so alt wie die Dampflok und deutlich weniger charmant gealtert. Dass sie nie wirklich funktionierte, zeigt die Praxis: Churchill weinte öffentlich mit einer Regelmäßigkeit, die seine Zeitgenossen längst eingepreist hatten. Paul Gascoigne schluchzte 1990 im WM-Halbfinale so herzzereißend, dass England ihm nicht die Männlichkeit absprach, sondern den Fußball als Nationalgefühl zurückeroberte. 2016 weinte Obama um die erschossenen Kinder von Sandy Hook. Und im September 2025 kämpfte Friedrich Merz in der wiedereröffneten Münchner Synagoge mit den Tränen. Er verlor - und gewann. Es gibt Reden, die glaubwürdiger werden, wenn sie stocken; und Momente, in denen die Fassung zu wahren bedeutet, die Lage zu verfehlen. Das Taschentuch ist zuweilen das ehrlichste Accessoire der Macht. Und doch gibt es weiterhin Männer, die eher ihre Steuererklärung veröffentlichen würden als eine Träne. Meist aus demselben Grund. Andere weinen strategisch. Manche Politiker etwa haben so oft Betroffenheit geprobt, dass sie beim echten Schmerz erst im Manuskript nachsehen müssen. Authentizität ist das Einzige, was man nicht buchen kann. Deshalb kostet ihre Simulation am meisten. Schlimmstenfalls die Reputation. Echte Tränen hingegen haben ein Timing, das keine Medienberatung der Welt hinbekommt. Ist Heulen dieser Tage also lediglich schick oder wächst wieder eine Generation heran, die den Unterschied kennt zwischen Fassung und Haltung? Fassung ist, was man wahrt. Haltung ist, was man hat. Das eine kann man verlieren, ohne das andere einzubüßen. Diese Kolumne ist die Variante eines Textes in meinem wöchentlichen Newsletter (NEULAND Update - kostenfrei unter www.guttenberg.media).

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