Post by Karl-Theodor (KT) zu Guttenberg

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Gratulation. Björn Höcke weiß jetzt, wo die echten Deutschen wohnen: im Osten. Im Westen lebten nur noch deutsch-sprechende Amerikaner. Ein Glück, dass er Westfalen rechtzeitig verließ. Thüringens AfD-Chef erklärte im Podcast eines gefälligen Stichwortgebers: „Im Osten sind die Menschen noch Deutsche, im Westen haben sie über Jahrzehnte eine Ersatzidentität gefunden und sich von der amerikanischen Kultur völlig usurpieren lassen.” Für alle, denen das nicht reichte, hatte Höcke noch etwas im Köcher. Er habe „irgendwo” einen Satz gelesen, der gut passe: „In der westlichen Republik wohnen deutsch sprechende Amerikaner und im Osten der Republik wohnen deutsch sprechende Deutsche.” Tatsächlich stammen die Worte von Margarita Simonjan, Chefarchitektin russischer Desinformation im Staatssender RT – geäußert 2023 während der Debatte um deutsche Panzerlieferungen an die Ukraine. Danach wanderte das Zitat, wie es geistiges Fallobst so tut, durch prorussische Telegram-Kanäle, bis es bei Höcke ankam, der es „irgendwo gelesen” hatte. Ach. Irgendwo. Das semi-intellektuelle Äquivalent von „ein Freund hat mir gesagt”. Wer „irgendwo” liest, muss nicht erklären, woher das Denken kommt. Praktisch. Stellen wir uns kurz vor, was aus dieser Logik folgt. Jeder Deutsche im Westen, der je Jeans getragen, Cola getrunken, Jazz gehört oder – Gott bewahre – „okay” gesagt hat, ist kein Deutscher mehr, sondern ein Amerikaner mit Umlaut, Sparkassenkonto und Restmülltonne. Die neue völkische Geografie ist einfach: Im Osten die Deutschen, im Westen die Anderen. Berlin ist vermutlich ein Sonderfall. Hier lohnt eine Einordnung jenseits gebremster Heiterkeit. Höckes Äußerung ist kein Ausrutscher, sondern hat Wirkungsabsicht. Erstens schmeichelt sie jenen Ostdeutschen, die sich seit Jahren als Bürger zweiter Klasse betrachten – nun aber zu den eigentlichen Deutschen aufgewertet werden. Selten wurde diese Wahlkampfstrategie so schamlos aus Moskauer Vorlagen destilliert. Zweitens liefert sie eine antiwestliche Erzählung, die – man beachte die Koinzidenz – nahtlos in die Narrative des Kremls passt. Drittens, und das ist das Gefährlichste, definiert Höcke, wer „wirklich” dazugehört: Volkszugehörigkeit nach Postleitzahl. Ein altes Instrument der Ausgrenzung mit neuem Etikett. Womit wir wieder bei Westfalen wären. Dort geboren, im Westerwald aufgewachsen, betrachtet Höcke sich gleichwohl nicht als Westdeutschen: Er komme aus einer Vertriebenenfamilie und sehe sich als Gesamtdeutschen. Die Regel gilt also für alle außer für ihn. Wo andere per Wohnort einsortiert werden, hebt er die Einteilung für sich kurzerhand auf. Das ist kein Identitätsdenken, sondern Ausnahmerecht für sich selbst. Man nennt dies nicht Patriotismus, sondern Willkür. Und wer Abstammung vor Biografie stellt, um Menschen zu sortieren, weiß, welche Tradition er bedient. Auch wenn er es irgendwo anders gelesen haben will. [Diese Kolumne und mehr in meinem kostenlosen Newsletter NEULAND Update - www.guttenberg.media]

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