Post by Jörg Hammer
Regionalbereichsleiter | Vertrieb & Führung (50 MA) | Transformations- & Wachstumsprojekte | Versicherungs- & GKV-Expertise
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser.“ – Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen, Caput I Ich schreibe diese Zeilen weder als Parteimitglied noch im Auftrag einer Kirche. Ich schreibe sie als Christ, als Humanist und als überzeugter Demokrat. Mich beschäftigt nicht das private Familienglück eines Politikers. Das verdient Respekt. Mich beschäftigt etwas anderes. Wer politische Verantwortung übernimmt und moralische Maßstäbe formuliert, muss damit leben, dass sein eigenes Handeln an genau diesen Maßstäben gemessen wird. Viele Menschen arbeiten jeden Tag hart. Sie tragen Verantwortung für ihre Familien, zahlen Steuern und kämpfen teilweise trotz Vollzeitbeschäftigung um ihre wirtschaftliche Existenz. Deshalb entsteht bei mir Unverständnis, wenn Spitzenpolitiker den Eindruck vermitteln, dass für sie andere Maßstäbe gelten als für die Menschen, die sie vertreten. Auch deshalb halte ich es für notwendig, die Privilegien ehemaliger Regierungsmitglieder und Spitzenpolitiker kritisch zu hinterfragen. Übergangsregelungen dürfen keine dauerhafte Selbstverständlichkeit sein. Wer aus einem Spitzenamt ausscheidet und mehr Zeit für sein Privatleben oder seine Familie haben möchte, sollte selbstverständlich dazu das Recht haben. Aber ebenso selbstverständlich sollte der Umgang mit öffentlichen Geldern transparent, nachvollziehbar und zeitlich klar begrenzt sein. Was mich zusätzlich nachdenklich macht: Mein Vertrauen in Jens Spahn ist nicht erst durch die aktuelle Debatte erschüttert worden. Bereits die Diskussionen rund um die Maskenbeschaffung während der Corona-Pandemie haben bei mir viele Fragen offen gelassen. Das prägt zwangsläufig auch meinen Blick auf heutige politische Debatten. Als Christ glaube ich an Vergebung. Als Humanist glaube ich an die Verantwortung jedes Einzelnen. Als Demokrat glaube ich daran, dass Glaubwürdigkeit das wichtigste Kapital politischer Führung ist. Genau deshalb verliert Heinrich Heines Satz auch fast zweihundert Jahre später nichts an Aktualität: „…sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser.“ Vertrauen entsteht nicht durch Worte. Vertrauen entsteht, wenn die Regeln, die für die Bürger gelten, auch für diejenigen gelten, die sie aufstellen.