Post by Jochen Schweizer
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„Ich bin doch nur ein einfacher Kajakfahrer.“ Diesen Satz sage ich oft – halb im Scherz, halb im Ernst. In den vergangenen Tagen musste ich dabei an Hannah Arendt denken. Die deutsch-amerikanische Philosophin gilt als eine der bedeutendsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. In ihrem Hauptwerk "Vita activa" beschäftigt sie sich mit der Frage, wodurch menschliches Leben geprägt wird und wie Menschen ihre Welt gestalten. Sie unterscheidet dabei drei grundlegende Formen menschlichen Handelns: Der Animal laborans lebt im Kreislauf des Notwendigen. Er arbeitet, um zu leben, und lebt, um zu arbeiten. Sein Tun dient vor allem dem Erhalt des Lebens. Der Homo faber ist der Schaffende. Er baut, entwickelt, konstruiert und erschafft Dinge, die Bestand haben – vom Werkzeug über das Unternehmen bis hin zum Kunstwerk. Der politisch handelnde Mensch gestaltet die gemeinsame Welt. Er übernimmt Verantwortung, tritt in den öffentlichen Dialog und hinterlässt Spuren durch sein Handeln und seine Entscheidungen. Diese Gedanken haben mich beschäftigt. Und trotzdem würde ich einen vierten Menschentyp ergänzen – natürlich mit einem Augenzwinkern: Homo kayakensis. Nicht als philosophische Kategorie, sondern als Haltung. Ich bin im 70. Lebensjahr und sitze seit 64 Jahren im Kajak. In dieser Zeit durfte ich Unternehmen gründen, Rekorde aufstellen, Bücher schreiben, Fernsehsendungen begleiten und viele tausend Menschen kennenlernen. Vor allem aber durfte ich Erfahrungen sammeln – und aus ihnen Erkenntnisse gewinnen. Trotzdem steige ich immer wieder ins Kajak. Gerade jetzt in Norwegen. Dort reduziert sich alles auf das Wesentliche: ein Boot, ein Paddel, Wasser und Wind. Die Weite der Küste. Die rauhe See. Die stillen Fjorde. Und vor allem: Stille. Vielleicht ist genau das der größte Luxus unserer Zeit. Nicht mehr Geschwindigkeit. Nicht mehr Information. Nicht mehr Erreichbarkeit. Sondern Stille. Denn in der Stille ordnen sich Gedanken. Entscheidungen werden klarer. Das Wesentliche tritt wieder hervor. Vielleicht brauchen wir deshalb gar keinen vierten Menschentyp. Vielleicht müssen wir uns nur von Zeit zu Zeit daran erinnern, dass unter all unseren Rollen, Titeln und Aufgaben noch immer ein Mensch steckt, der einfach nur paddeln möchte. Oder, um es mit einem Lächeln zu sagen: Homo kayakensis. 🚣