Post by Holger Zschäpitz
Leitender Redakteur WELT/Business Insider | Journalist | Podcaster und Glotzcaster 🎙️„Alles auf Aktien“, “Deffner & Zschäpitz” | Market Maniac: Finanzmärkte & Storytelling für (Selbst-)Entscheider
Eigentlich sollte es „nur“ um Märkte gehen. Um Bewertungen, die nachlassende Euphorie und die Frage, ob der KI-Hype an der Börse an sein Ende kommt. Am Ende wurde es eine große Vermessung der neuen KI-Ökonomie in einer Art Zwei-Stunden-Masterclass mit Philipp Klöckner. Die Leitfrage: Platzt jetzt die Blase? Pips Antwort war typisch Pip: nicht schwarz, nicht weiß, sondern differenziert. Übertreibungen gebe es, einzelne Bewertungen seien heiß. Nur eines lasse sich nicht wegdiskutieren: Die Nachfrage nach KI ist da. Man sieht sie in den Unternehmen, bei Entwicklern, bei den Hyperscalern und bei den Nutzern, die ihre Tools freiwillig nicht mehr hergeben würden. Geht es nach Pip, sind wir eher im Jahr 1998 als im Jahr 2000, haben also noch zwei gute Jahre vor uns. Ein paar spannende Thesen möchte ich Euch nicht vorenthalten. OpenAI könnte das Yahoo der KI werden, also der Pionier, der den Markt öffnet, aber ihn am Ende nicht dominiert. Google ist zurück im Spiel. Nicht nur wegen Gemini, sondern wegen Distribution, Suche, Werbung, eigenen Chips und Milliarden Nutzern. Microsoft muss nicht das beste Modell haben. Microsoft muss nur Copilot in Office, Teams und die Unternehmensprozesse drücken. Genau darin ist der Konzern Weltklasse. Apple könnte mit KI Geld verdienen, ohne selbst Milliarden in Rechenzentren zu verbrennen. Wer den Zugang zum iPhone kontrolliert, kontrolliert auch die Mautstelle. Eine weitere Beobachtung fand ich spannend. Wenn jetzt Micron die Speicherpreise erhöht, muss Apple darauf noch seine eigene Rohmarge aufschlagen, um nicht mit sinkenden Margen dazustehen. Amazon ist vielleicht langweiliger als Nvidia, aber wesentlich unterschätzter. AWS, Werbung, Retail, Robotik und Satelliteninternet ergeben eine ziemlich mächtige Langfrist-Story. Beim Thema Europa wurde es ungemütlich. Pip warnte, dass uns bei KI womöglich genau das blüht, was wir bei Social Media und der Plattformökonomie längst durchgespielt haben. Die Gewinne und die Macht ballen sich in den USA, die Steuermodelle werden in Irland und Luxemburg optimiert, und bei uns landen vor allem die gesellschaftlichen Nebenwirkungen, also die externen Kosten. Und Pip sieht eine Rückkehr der Robber Barons und ein neues Zeitalter des Gilded Age. In einer Welt, in der Regulierung zurückgefahren wird und politische Macht immer enger an Kapital rückt, könnte es die schlechteste Wette gar nicht sein, sich mit den großen Tech-Oligarchen zu verbünden. Zum Ausklang ging es noch um Bending Spoons, die Chancen klassischer Software, die Rentenreform, ASML als letztes echtes KI-Kronjuwel Europas und die Frage, ob Politik überhaupt noch etwas ausrichten kann. Nach zwei Stunden hatte ich das Gefühl, weniger einer Podcast-Folge beigewohnt zu haben als einer Lehrstunde darüber, wie KI Kapitalmärkte, Machtverhältnisse, Software, Europa und die Spielregeln des Kapitalismus neu sortiert. Deshalb lohnt es sich, die KI-Debatte größer zu denken als den üblichen Tech-Hype und in den Podcast zu hören.