Post by Hans-Christian Mrowietz
Referent für Organisation
Der Wecker klingelte. Müde streckte ich meine Arme und gähnte. Als ich den Mund schloss, fiel mir etwas auf. Vorsichtig tastete ich mit der Zunge die Zahnreihen ab. Etwas war anders. Ich sprang auf, rannte ins Badezimmer, machte den Lichtschalter an. Ich stellte mich vor den Spiegel, öffnete den Mund. Meine Zähne waren golden, blitzten im Licht der Deckenlampe auf. Morgenstund hat Gold im Mund. Ich überlegte kurz zum Zahnarzt zu gehen. Dann kam mir aber die neue Prämisse von Friedrich Merz in den Sinn: Lieber arbeiten als krank machen. Deshalb machte ich mich rasch fertig, zog mich an und eilte zur Arbeit. Das nützte aber nichts, denn ich kam trotzdem zu spät. Und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Denn dieses Ereignis sollte der Beginn einer Kette werden, mit der ich die nächsten 25 Jahre in Arbeitslosigkeit verbrachte. Das missfiel sicherlich dem Merz. Zusammen mit meiner Kündigung erhielt ich aber eine Abfindung in Form eines Gauls. Ich fühlte mich fast schon wie Don Quixote. Trotzdem schaut man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul. Als Alternative dazu, zeigte ich dem Gaul mein Gebiss. Der Gaul erschrak sich. Da beschloss ich: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Somit ritt ich auf dem Gaul nun doch zur Zahnarztpraxis. Erstaunlicherweise war ich dort der erste Patient des Tages. "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst", forderte mich der Arzt auf. Deshalb machte ich mit meinem vergoldeten Gebiss mahlende Bewegungen. "Mhm", sagte der Arzt. "Es handelt sich doch nicht um das Goldmühlen-Syndrom. Sehen Sie es doch so", meinte der Doktor dann, während er zu einem Vogelkäfig ging und einen Spatz herausholte. "Lieber einen Spatz in der Hand, als eine Taube auf dem Dach." Von oben hörte ich es laut gurren. Dachgeschoss also. "Ich nehme Sie jetzt beim Wort", sagte ich zum Arzt. Statt zum Spatz griff ich nach dem ausgestreckten Namensschild am Kittel des Arztes und riss es ab. "Die Feder ist mächtiger als das Schwert", erwiderte der Arzt. Somit stellte er sein Schwert in den Regenschirmständer. Dann ging er zurück zum Käfig, tat den Spatz wieder vorsichtig rein und griff sich eine Feder vom Boden des Käfigs. Diese Feder tauchte er in ein Tintenfass und schrieb sich damit seinen Namen auf die Brust. Ich staunte Bauklötze. "Cool, die nehme ich meiner kleinen Tochter mit", sagte der Arzt und sammelte sie ein. "Ihr Wort in Gottes Ohr", meinte ich. Ich verließ die Praxis und steckte das abgerissene Namensschild in das Ohr Gottes, das mich auf der Straße erwartete. "Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben", gab mir Gott mit auf den Weg. Ich hielt mich daran und wartete punktgenau bis zum Sonnenuntergang um 20:41 Uhr, bis ich zu mir sagte: Was für ein irrer Tag. Gott setzte sich neben mich. Er legte seinen Arm um meine Schulter und gemeinsam sahen wir zu, wie die goldgelbe Scheibe seiner Schöpfung langsam hinter dem Horizont verschwand. Nachts sind alle Katzen grau. Miau.