Post by Gerd Friedrich
Geschäftsführer bei Psycho-Vision GmbH | Fortbildung für Psychotherapeuten
"Practice-Based Evidence" — warum systematische Rückmeldung die Behandlungsergebnisse verbessert Zwischen der Evidenzbasierung ganzer Verfahren und der Qualität der einzelnen laufenden Behandlung klafft eine Lücke. Dass ein Verfahren in Studien wirksam ist, sagt wenig darüber, ob diese Klientin in dieser Therapie gerade Fortschritte macht. Die Forschung zum Routine Outcome Monitoring schließt diese Lücke — und fördert dabei einen unbequemen Befund zutage. Ausgangspunkt ist die begrenzte Treffsicherheit des klinischen Urteils bei der Verlaufsprognose. Untersuchungen, maßgeblich aus der Arbeitsgruppe um Michael Lambert, zeigen, dass Behandlerinnen und Behandler Verschlechterungen und ausbleibende Fortschritte systematisch unterschätzen: Optimismus und die Tendenz, den Verlauf günstig zu deuten, führen dazu, dass gerade die gefährdeten "not-on-track"-Verläufe zu spät erkannt werden. Da ein erheblicher Anteil von Abbrüchen und Verschlechterungen in dieser Gruppe entsteht, ist das klinisch hochrelevant. Routine Outcome Monitoring (ROM) setzt hier an: das regelmäßige, kurze Erfassen von Symptombelastung und Befinden (etwa mit dem OQ-45) und — entscheidend — die Rückmeldung dieser Daten an die Behandlerin, idealerweise im Abgleich gegen erwartete Verlaufskurven. Die Befundlage über zahlreiche Studien und Metaanalysen lässt sich verdichten: • Der Effekt liegt im Feedback, nicht im Messen allein. Erst die Rückmeldung verändert das Vorgehen und damit die Ergebnisse. • Der Nutzen ist bei "off-track"-Fällen am größten. Bei planmäßigen Verläufen ist der Zusatznutzen gering; bei drohender Verschlechterung wirkt das Feedback als Frühwarnsystem, das rechtzeitiges Nachsteuern ermöglicht und Verschlechterungen sowie Abbrüche reduziert. • Clinical Support Tools verstärken den Effekt. Module, die bei Warnsignalen gezielt auf Problembereiche hinweisen — Allianz, Veränderungsmotivation, soziale Unterstützung —, erhöhen den Nutzen über das reine Outcome-Feedback hinaus. • Verfahrens- und settingübergreifend einsetzbar. Konzeptuell verschiebt sich der Blick von "evidence-based practice" hin zu "practice-based evidence": Die laufende Behandlung erzeugt selbst die Daten, die ihre Steuerung verbessern. Entscheidend ist die Haltung dahinter — ROM ist kein Kontrollinstrument und keine "Therapie nach Zahlen", sondern eine Ergänzung des klinischen Urteils um ein Korrektiv für dessen bekannte blinde Flecken. Zugleich gibt es der Klientin eine strukturierte Stimme und kann Gespräche über Stagnation oder Brüche in der Allianz anstoßen, die sonst unausgesprochen blieben. Nutzen Sie systematische Verlaufsmessung — und wo sehen Sie den größten Nutzen oder die größten Hürden? #RoutineOutcomeMonitoring #FeedbackInformedTreatment #Lambert #Psychotherapieforschung #Evidenzbasierung #Qualitätssicherung #Fortbildung #PsychotherapeutInnen #klinischePsychologie #CME