Post by Gerald Hensel

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Als totaler Nichtfußballer finde ich es doch immer interessant, wie sehr WM-Siege und Niederlagen ein Spiegel des nationalen Wohlbefindens sind. Zugegeben: Ich hab gut lachen. Als gestern der Elfmeter verschoßen wurde, stieg ich gerade in meine Tiefschlafphase ein. Aber kurz davor sah ich noch die famose ARD Doku WM 1994, die gerade in der ARD Mediathek zu sehen ist. Kurz-Plot: 1990 siegt ein im Glückstaumel der Wiedervereinigung befindliches Deutschland unter der Lichtgestalt Beckenbauer im Finale in Italien. Danach steigt der Kaiser aus und gibt seinem Nachfolger Berti Voigts mit der berühmten „Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir sind auf Jahre hinaus unschlagbar“ Pressekonferenz noch richtig einen mit. Voigts, der in Look, Habitus und Charisma so ziemlich genau das Gegenteil von Beckenbauer ist, muss dann 1994 mit einem ziemlich undisziplinierten, egozentrischen Haufen Fußballmillionäre in die USA reisen, um - Mission von Gott - den Pott zum zweiten Mal zu holen. Darunter geht's nicht. Weil: Der Kaiser hat's ja versprochen. Natürlich geht alles schief. Der rührend naiv-gradlinige Voigts liest Journalisten, die ihn grillen wollen, auf Pressekonferenzen Gedichte vor. Die Fußballmillionäre feiern lieber als zu trainieren. Und jeder einzelne von ihnen steht in einem Wechselverhältnis von ziemlich gut etablierten Pressekontakten zur Bild-Zeitung, die hier und da mal ausgespielt werden. Und von "Spielerfrauen" habe ich da nicht mal begonnen. Und noch etwas anderes ist anders. Deutschland, das sich 1990 freudejubelnd und Hasselhoff-singend in den Armen lag, ist 1994 in der Depression angekommen. 1993 durchlebt das Land eine der schwersten Nachkriegsrezessionen. Treuhand, brennende Asylantenheime und Arbeitslosigkeit - das sind die Themen in der bleiernen Spätphase Kohl-Deutschlands. Und wie auch heute wird der Verlust des sicher geglaubten Platzes an der Sonne als nationales Omen einer Nation im Abstieg gesehen. "Kann ja gar nicht anders sein." "Ein Land in diesem Zustand!" "Was waren das für Zeiten früher!" "Was sind das nur für Zeiten heute?" Fußball ist immer nur mehr als Sport sondern Symbol für das Gefühl eines Landes. Und in Deutschland trauert man nicht nur. Man will das, was man bestellt hat: den Titel. Die Doku kann ich sehr empfehlen, weil sie einer Nation den Spiegel vorhält. Was ist Sport? Was ist nationaler Vibe? Und wie hängt beides zusammen? Wahrscheinlich ist es für eine traurige, gestresste Nation schwerer, erfolgreich in einer WM zu sein. Und gleichzeitig kann ein WM-Sieg positive Kräfte entfalten, die kaum messbar und planbar sind. Natürlich ist Fußball viel mehr als ein Sport, eben weil es auf dem Level nationaler Identität eine so bedeutende Rolle spielt und diese beeinflusst. Und ja, ich gebe es zu: Ganz rational wünsche ich mir, dass ich damals, mit sechs Jahren, doch einfach weiter gespielt hätte und eine Liebe für dieses große irrationale Ding namens Fußball entwickelt hätte. Und oft eben auch nicht.

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