Post by Dörte Täschner Pollmann
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Timmy am Kreuz „Timmy – Die Hope stirbt zuletzt”, Ernst-Deutsch-Theater Hamburg, 11. Juli 2026 Was hier auf der Bühne landet, ist keine Kritik am Spektakel. Es ist ein weiterer Akt desselben Spektakels – diesmal mit Eintrittskarte. Aus dem langen Sterben des Buckelwals ist ein Theaterstück geworden. Das Pressefoto zeigt, was man davon zu halten hat: Ein aufgeblasener Wal hängt am Kreuz. Darunter drei Figuren in blutbespritzten Messgewändern, Arme jubelnd hochgereckt. Zu ihren Füßen die Deutschlandflagge, in ihre Einzelfarben zerfallen. (Bild: © picture alliance/dpa | Georg Wendt) Regisseur Klessinger hat im NDR-Interview den entscheidenden Satz selbst gesagt: „Das hat mit dem Wal nur noch bedingt zu tun.” Er meinte das als Rechtfertigung. Es ist die treffendste Kritik an seinem Stück. Denn genau das war das Problem von Anfang an: Es ging nie um den Wal. Ein sterbender Meeressäuger wurde zur Projektionsfläche für Erlösungssehnsucht und Nationalgefühl. Das Theater wiederholt diese Geste – nur mit Saalpublikum. Wer den Wal ans Kreuz nagelt, um seine Vergötzung zu kritisieren, betreibt genau das, was er vorführen will. Der Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards bringt es auf den Punkt: Je weiter sich Menschen vom religiösen Ursprung eines Symbols entfernen, desto beliebiger wird seine Verwendung. (KNA, 13. Juli 2026) Das gilt für die Wal-Retter. Es gilt ebenso für dieses Theater. Dabei wäre das Deutungsmuster längst vorhanden. Der Physiologus, ein spätantikes Kompendium, das Tiere als Zeichen göttlicher Ordnung deutete, kannte den Wal bereits – und als ein gefährliches. Die aspidochelone lockt Seeleute an, die sie für festes Land halten. Sie landen auf ihrem Rücken, machen Feuer – und das Tier zieht sich in die Tiefe. „Was will Timmy uns sagen?” fragten die Menschen an der Küste. Der Physiologus hätte geantwortet: Das Tier bedeutet immer etwas, aber nicht das, was ihr denkt. Die Badegäste, die sich auf Timmys Kadaver stellten und Selfies machten, haben das buchstäblich nachgespielt. Das Theater tut es ihnen gleich, überdachter und mit Programmheft. Tiere senden keine Botschaften. Sie werden mit Botschaften belegt. Klessinger weiß das und er sagt es selbst. Aber er zieht die falsche Konsequenz. Stattdessen hängt Timmy am Kreuz. Und das Publikum jubelt. Quellen: Alexander Klessinger, NDR Kultur, 12. Juli 2026; Albert Gerhards, zit. n. KNA, 13. Juli 2026.