Post by 🆙 Dr. Gereon Breuer

Strategy Consultant for Leadership & Security │ Excellence through Clarity, Courage, and Structure │ Young Global Leader │ Economist, Psychologist, Theologian, and Sommelier│ Senior Lecturer & Speaker

Der 20. Juli ist eine Zumutung für die deutsche Bequemlichkeit. Er zwingt jeden Menschen, der führt, zu einer Frage, die sich weder an Hierarchien noch an Prozesse delegieren lässt: Was tue ich, wenn Gehorsam bequem, Widerspruch aber richtig ist? Am 20. Juli 1944 trug Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg eine Bombe in die „Wolfsschanze“. In Berlin warteten militärische und zivile Mitverschwörer darauf, mit dem Unternehmen „Walküre“ den nationalsozialistischen Staat zu entmachten. Sie wussten: Scheitern bedeutete nicht den Verlust eines Amtes. Es bedeutete den Tod. Das Attentat misslang. Noch in derselben Nacht wurden Stauffenberg, Werner von Haeften, Friedrich Olbricht und Albrecht Mertz von Quirnheim im Bendlerblock erschossen. Viele weitere Frauen und Männer des Widerstands wurden verfolgt, gefoltert und ermordet. Zu ihnen gehörte auch mein Urgroßvater. Es wäre bequem, aus ihnen makellose Heilige zu machen. Nicht jeder gehörte von Anfang an zum Widerstand. Nicht jeder war Demokrat nach unserem heutigen Verständnis. Manche hatten dem Regime lange gedient. Aber moralische Größe beginnt nicht mit einer makellosen Biografie. Sie beginnt in dem Augenblick, in dem ein Mensch aufhört, seine bisherige Anpassung als Entschuldigung für seine weitere Anpassung zu benutzen. Die Männer und Frauen des 20. Juli erkannten, dass ein Eid das Gewissen nicht ersetzt. Dass ein Befehl niemandem die Verantwortung abnimmt. Und dass Loyalität gegenüber einem verbrecherischen Machthaber zum Verrat an den Menschen und am eigenen Land werden kann. Das ist Führung in ihrer härtesten Form: die eigene Person für das als richtig Erkannte in Haftung zu nehmen. Organisationen scheitern selten daran, dass niemand das Unrecht erkennt. Sie scheitern, weil viele es erkennen, aber jeder darauf wartet, dass ein anderer zuerst widerspricht. Man verweist auf Zuständigkeiten, Gremien, Vorschriften, den Vorstand oder „das System“. Am Ende waren alle informiert und angeblich niemand verantwortlich. Doch Haltung, die nichts kostet, ist keine Haltung. Sie ist Branding. Ich misstraue deshalb jedem, der heute mit Gewissheit behauptet, er hätte damals selbstverständlich Widerstand geleistet. Niemand von uns weiß, wie mutig er unter den Bedingungen einer Diktatur gewesen wäre. Die ehrlichere Frage lautet: Wo weiß ich heute längst, was richtig wäre und nenne mein Schweigen noch Loyalität, Professionalität oder Staatsräson? Am 20. Juli schulden wir den Märtyrern des Gewissens keine heroische Selbstinszenierung. Wir schulden ihnen den Mut, diese Frage wahrheitsgemäß zu beantworten. #20Juli1944 #Stauffenberg #Führung #Verantwortung #InnereFührung #Widerstand

Post content