Post by David Pidde

Führung im Wandel braucht Urteilskraft.

Warum alte Grabsteine mehr über Organisationskultur verraten als moderne Leitbilder Wer Görlitz besucht, fotografiert meist die Altstadt, die Kirchen oder die bekannten Filmkulissen. Nur wenige besuchen den historischen Nikolai-Friedhof. Dabei gilt er selbst unter Görlitzern eher als Geheimtipp. Für mich ist es einer der bemerkenswertesten Orte der Stadt. Es ist ein barocker Friedhof. Ein Ort, an dem die Gedankenwelt einer vergangenen Epoche bis heute sichtbar geblieben ist. Wer durch die alten Wege geht, begegnet einer Zeit, in der Herkunft, Familie und Werte bewusst sichtbar gemacht wurden – in Stein gehauen. Besonders faszinieren mich die alten Familienwappen. Vor Jahrhunderten wurden sie in Stein geschlagen, damit die Erinnerung die eigene Lebenszeit überdauert. Ein Statement für Kontinuität, für den Wert der Familie, für Identität und für das, wofür man stand. Ich besuche den Friedhof seit Jahren. Und jedes Mal fällt mir auf, wie unerbittlich die Zeit arbeitet. Wind, Regen und Frost hinterlassen Spuren. Jahr für Jahr verlieren die Wappen an Schärfe und Inschriften werden schwerer lesbar. Zeit ist der härteste Prüfstein – auch im Business und der Gesellschaft. Die Menschen dieser Zeit investierten enorme Mühe in etwas, das sie überdauern sollte. Das bringt mich zu einer Frage, die heute aktueller ist denn je. Unternehmen formulieren Leitbilder. Institutionen sprechen über Identität. Staaten erzählen Geschichten über ihre Werte. Aber die eigentliche Bewährungsprobe beginnt erst dann, wenn diejenigen nicht mehr da sind, die diese Werte formuliert haben. Die Zeit trennt Überzeugungen von Modeerscheinungen. Sie trennt echte Kultur von reiner Fassade. Der Kontrast zur Gegenwart könnte kaum größer sein. Damals wurden Werte in Stein gehauen. Heute werden sie diskutiert, umgedeutet und neu definiert. Damals stifteten Werte Identität. Heute wird zunehmend darüber gestritten, was überhaupt noch als Wert gelten soll. Heute leben wir in einer Zeit, in der ununterbrochen über Werte gesprochen wird. Gleichzeitig entsteht immer häufiger der Eindruck, dass Werte und Ideologien miteinander verwechselt werden. Wer andere Meinungen moralisch abwertet, verteidigt keine Werte. Wer Diskussionen verhindern will, verteidigt keine Werte. Wer Menschen in richtig und falsch einteilt, verteidigt keine Werte. Der Unterschied ist fundamental – Werte müssen überzeugen, während Ideologien Zustimmung verlangen. Werte halten Widerspruch aus, wohingegen Ideologien Widerspruch als Gefahr betrachten. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft dieser alten Grabsteine. Jede Generation muss neu entscheiden, was sie bewahren möchte. Die Zeit entscheidet später, ob diese Entscheidung Bestand hatte – und ob sie die richtige war. #Görlitz #Governance #Institutionen #GesellschaftlicherWandel

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