Post by Daniel Klicpera
Psychiatriekoordinator Land NÖ & NÖGUS | Psychosoziale Versorgung gemeinsam gestalten – ganzheitlich, abgestimmt & abgestuft | Besser vernetzen – besser zusammenarbeiten – besser versorgen
Etwa ein Drittel aller Kontakte in der Primärversorgung hat eine psychische Komponente. Oft zeigt sie sich versteckt: als Schlafproblem, als Erschöpfung, als unklarer Schmerz. Sie in wenigen Minuten zu erkennen, ist alles andere als leicht. Genau darüber haben wir bei der Pre-Conference zum Mitgliedertreffen der Plattform Primärversorgung in St. Pölten gesprochen (12. Juni 2026). In der Primärversorgung ist das Teamarbeit: Ärztinnen und Ärzte, Pflege, Psychotherapie und Sozialarbeit. 3 Tipps aus der Diskussion, die für alle im Team gelten: 1. Dem eigenen Bauchgefühl trauen, wenn etwas nicht stimmt und nachfragen. -> Stimmung, Schlafprobleme und Antriebslosigkeit, dazu körperliche Beschwerden ohne klaren Befund sind oft die ersten Hinweise. 2 kurze Fragebögen helfen genau hier: Der PHQ-9 erfasst mit 9 Fragen depressive Symptome, der GAD-7 mit 7 Fragen Angstsymptome. Beide sind in wenigen Minuten ausgefüllt und ohne Lizenz frei nutzbar. Die Person kann das schon im Wartezimmer erledigen. 2. Suizidalität ansprechen entlastet und kann Leben retten. -> Entgegen einem verbreiteten Vorurteil schadet es nicht. Wer den Verdacht hat, fragt am besten direkt und ohne Umschweife: „Haben Sie in letzter Zeit daran gedacht, sich das Leben zu nehmen?" Im Kern reichen 3 Schritte: nachfragen, zuhören ohne Ratschläge zu erteilen, Hilfe holen. Passende Adressen und Notrufnummern stehen im ersten Kommentar. 3. Das Unterstützungsnetzwerk für Betroffene und Angehörige kennen und gezielt weiterleiten. -> Eine kurze Liste für den eigenen Bezirk macht im Ernstfall den Unterschied: Fachärztinnen und Fachärzte, Psychotherapie, Tagesklinik, Krisendienst, Sozialarbeit. Noch besser ist es wenn ich die Kolleginnen und Kollegen sogar kenne und direkt zuweisen kann. -> Auch die Angehörigen sollten mitgedacht werden und Unterstützung erhalten. Sie sind oft selbst stark belastet und zugleich eine wichtige Stütze für die Betroffenen. Nicht jeder Mensch braucht sofort die Psychiatrie. Aber jeder braucht einen klaren Weg. Den fachlichen Vortrag hielt Prim. Martin Aigner (UK Tulln) unter dem Titel „Nicht übersehen! – Richtig handeln! – Psychische Störungen in der Primärversorgung". Annalena Goldnagl als Angehörigenvertreterin von HPE Österreich und die Sozialarbeiterin Sabina Frei aus dem PVZ St. Pölten ergänzten die Praxisperspektive. Heuer war die Veranstaltung zugleich der Praxistag Primärversorgung von NÖGUS, ÖGK und Ärztekammer NÖ. Danke an die Kolleginnen und Kollegen im NÖGUS und an die Plattform Primärversorgung für die Zusammenarbeit bei der Organisation. Danke an Britta Blumencron für die Moderation. 2 Fragen an euch. An alle in der Primärversorgung: Was hilft euch im Umgang mit psychischen Belastungen im Praxisalltag, und wo stoßt ihr an Grenzen? An alle, die mit der Primärversorgung zusammenarbeiten: Wie gelingt bei euch die Vernetzung mit den PVE?