Post by Christoph Dr. med. Niewöhner

Medizin ist Handwerk - und Teamarbeit

Telefon-AU: Missbrauch verhindern, Arztpraxen nicht zusätzlich belasten Die Diskussion um die Abschaffung der telefonischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) und die geplante Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag zeigt, wie schwierig Gesundheitspolitik sein kann. Aus meiner Sicht als konservativ tätiger Orthopäde ist eines klar: Das Vertrauen in unser Sozialversicherungssystem darf nicht naiv sein. Jedes System wird dort anfällig, wo Kontrollen fehlen. Die telefonische AU hat während der Pandemie ihren berechtigten Platz gehabt. Heute muss jedoch kritisch geprüft werden, ob sie in ihrer jetzigen Form weiterhin sinnvoll ist. Es wäre falsch zu behaupten, jeder nutze die Telefon-AU missbräuchlich. Die große Mehrheit der Patientinnen und Patienten handelt verantwortungsvoll. Gleichzeitig kennen viele Ärztinnen und Ärzte Situationen, in denen die niedrige Zugangsschwelle den Druck erhöht hat, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ohne persönliche Untersuchung auszustellen. Deshalb halte ich die Rückkehr zur persönlichen ärztlichen Beurteilung grundsätzlich für nachvollziehbar. Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist ein medizinisches Dokument – keine bloße Formalität. Ebenso deutlich muss aber gesagt werden: Eine generelle Verpflichtung zur AU bereits am ersten Krankheitstag würde die ohnehin stark belasteten Hausarztpraxen zusätzlich unter Druck setzen. Tausende Patienten mit banalen Infekten würden ausschließlich wegen einer Bescheinigung in die Praxen kommen. Das bindet wertvolle Ressourcen, verlängert Wartezeiten und verschlechtert die Versorgung derjenigen, die tatsächlich dringend ärztliche Hilfe benötigen. Die bessere Lösung wäre deshalb: - Abschaffung der routinemäßigen telefonischen AU. - Gleichzeitig keine generelle Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag. - Arbeitgeber sollten – wie bereits heute möglich – bei begründetem Anlass eine AU ab Tag 1 verlangen können. - Digitalisierung sollte gezielt dort eingesetzt werden, wo sie medizinisch sinnvoll ist, ohne Missbrauch zu erleichtern. Gesundheitspolitik braucht Augenmaß. Missbrauch muss verhindert werden, ohne die ambulante Versorgung weiter mit Bürokratie zu überlasten. Das gelingt nur mit Regelungen, die sowohl den Patientinnen und Patienten als auch den Arztpraxen gerecht werden. Wie sehen Sie das? Ist die Abschaffung der Telefon-AU der richtige Schritt – und sollte gleichzeitig auf eine generelle Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag verzichtet werden?

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