Post by Calvin Bartel
Master Coach (Hephaistos) · Senior Coach (DBVC) · Lehrtrainer Coaching · Psychologischer Berater ◽️ Beziehungsdynamik · Persönlichkeitentwicklung · Führung ◽️ Im Spannungsfeld von Beruf & Privatleben
Warum fühlt sich der eine Mensch in einem Job mit allen Freiheiten gefangen. Und die andere in einem engen Rahmen frei? Zwei Menschen, gleiche Bedingungen. Der eine entscheidet selbst über Zeit und Vorgehen, und fühlt sich getrieben, unruhig, fremdgesteuert. Die andere arbeitet in einem festen Korsett aus Regeln und Vorgaben, und erlebt sich als handelnd, klar, bei sich. Von außen ist nicht klar, wer von beiden frei ist. Edward Deci und Richard Ryan haben in ihrer Selbstbestimmungstheorie Autonomie als eines von drei Bedürfnissen konzeptualisiert, neben Kompetenz und sozialer Eingebundenheit. Eine wichtige Erkenntnis ihrer Forschung ist folgende Unterscheidung: Autonomie ist nicht Unabhängigkeit. Unabhängigkeit heißt: niemanden brauchen. Autonomie heißt: hinter dem stehen, was ich tue. Es geht nicht darum, ob ich allein handle oder mit anderen, ob ich frei von Regeln bin oder eingebunden. Es geht darum, ob ich mich als innerer Urheber meines Handelns erlebe oder es nur vollziehe, und zwar völlig unabhängig davon, wie eng oder weit der Rahmen ist, in dem ich mich bewege. Das ist eine steile These. Und doch haben Deci und Ryan gezeigt, dass Menschen, die ihr Tun selbst gewählt erleben, motivierter, ausdauernder und lebendiger sind. In der Metatheorie der Veränderung spannt sich das Bedürfnis nach Selbstbestimmung über einem Feld mit zwei Polen auf: Freiheit und Sicherheit. Innere Urheberschaft entsteht nicht dadurch, dass ich mich für einen Pol entscheide. Sie entsteht, wie auch im Bindungsbedürfnis, in der Beweglichkeit zwischen beiden. > Freiheit ohne Sicherheit wird haltlos: Wer nur den eigenen Weg sucht, ohne sich Halt zu verschaffen, innen wie außen, ist nicht frei, sondern getrieben. < Sicherheit ohne Freiheit wird eng: Wer sich nur absichert und kein Risiko erträgt, ist nicht geborgen, sondern gefangen. >< Beide Pole gehören zusammen. Erst wer sich zwischen ihnen bewegen kann, bleibt Autor seiner Entscheidungen. In meiner Arbeit als Coach erlebe ich, wie hier oft verwechselt oder verwischt wird. Z.B. ein Bereichsleiter, der seine ständige Verfügbarkeit für Selbstbestimmung hält: "Ich entscheide doch selbst, dass ich erreichbar bin." Oder eine Gründerin, die jedes Commitment meidet und es Freiheit nennt. Beide spüren nicht, dass sie längst nicht mehr wählen. Sie folgen einem Muster, das sich als Autonomie verkleidet. Die Frage ist also: Stehe ich hinter dem, was ich tue, im Wissen wo meine Freiheiten und Grenzen sind, oder vollziehe ich es nur? In den nächsten Beiträgen widme ich mich dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung und ihren spezifischen Phänomenen. Ich freue mich auf eure weitere Leserschaft, Fragen und Kommentare! - Calvin Bartel — Raum für Orientierung, wo Sicherheiten enden selfspace — Reflexionsräume für Menschen in Hochleistung. Mit Dr. Anne-Kathrin Bronsert Coach-Ausbildung gibts bei Hephaistos, Weiterbildungszentrum für Coaching und Beratung, München Mit Dank an Klaus Eidenschink