Post by Astrid Baade
"Zurück zum Sinn..."
Für wen bauen wir eigentlich? Es gibt Tage, da frage ich mich, was ich eigetlich als Ingenieurin mache? Denke ich noch im Sinne von Gebäude und Nutzung, oder in Dokumentation, Nachweisen und Zertifikaten? Normen usw sind da gar nicht das Problem. Niemand möchte bei jeder Tragwerksplanung wieder die Statik neu erfinden oder darüber diskutieren, ob ein Geländer sinnvollerweise höher als zehn Zentimeter sein sollte. Die technischen Regeln, die wir heute anwenden, sind das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung und unzähliger kluger Köpfe. Sie geben Orientierung, Sicherheit und einen verlässlichen Rahmen. Und das ist gut so. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass sich etwas verschoben hat. Früher war die Norm das Werkzeug. Heute scheint sie gelegentlich zum eigentlichen Bauherrn geworden zu sein. Besonders spürbar wird das im Umgang mit Bestandsgebäuden. Diese Gebäude sind nicht perfekt, aber sie haben jahrelang ihre Alltagstauglichkeit bewiesen. Doch bevor wir darüber sprechen, wie wir dieses Gebäude sinnvoll weiterentwickeln können, beginnen wir häufig damit, ihm zu erklären, warum es den Anforderungen von 2026 nicht genügt. Oft denke ich, wir betrachten Gebäude inzwischen weniger als gewachsene Systeme und mehr als Mängellisten mit Dach. Natürlich sollen Gebäude sicher sein. Natürlich müssen wir Energie sparen. Natürlich brauchen wir Barrierefreiheit und Brandschutz. Über diese Ziele gibt es wenig Streit. Nur wann wird aus einer sinnvollen Verbesserung eine Optimierung um ihrer selbst willen? Jede zusätzliche Anforderung hat ihren Preis. Nicht nur in Euro, sondern auch in Komplexität, Planungsaufwand und manchmal sogar in verlorener Bausubstanz. Eigentlich wissen wir, dass man Risiken nicht beseitigen kann. Man kann sie lediglich verschieben. Warum wollen wir eigentlich jedes Risiko ausschließen? Mit jedem Vermeiden eines Risikos schaffen wir doch auch ein Neues. Aus der Sorge vor Fehlern entstehen zusätzliche Nachweise. Aus zusätzlichen Nachweisen entstehen höhere Kosten. Aus höheren Kosten entstehen Projekte, die nicht gebaut oder Bestandsgebäude, die nicht saniert werden. Das Risiko verschwindet nicht, es verändert seine Gestalt. Müssen wir wirklich jede Unsicherheit eliminieren? Oder können wir nicht versuchen mit ihr vernünftig umzugehen? Ingenieurmäßiges Arbeiten bedeutet doch auch, Ziele gegeneinander abzuwägen, Verantwortung zu übernehmen und Lösungen zu finden, die für Menschen, Gebäude und Ressourcen angemessen sind. Nicht maximal. Nicht perfekt. Sondern angemessen. Perfektion ist eine wunderbare Idee, solange niemand versucht, sie zu bauen. Am Ende sind Gebäude keine Excel-Tabellen, keine Zertifikate und keine Regelwerke. Sie sind Orte, an denen Menschen wohnen, arbeiten, lernen, leben und alt werden. Vielleicht sollten wir sie gelegentlich wieder genauso betrachten und uns die Frage stellen: Bauen wir gerade für das Gebäude und seine Nutzer – oder für die Akte?