Post by Andre Hund
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#leadership am Sonntag: "Tulpen aus Amsterdam" - Gier und Governance Der Brutalismus (von "béton brut" = Sichtbeton) ist eine ehrliche Haut. Und mehr als ein Architekturstil. Er steht für den gesellschaftlichen Aufbruch nach dem Zweiten Weltkrieg. Nichts soll verkleidet oder beschönigt werden. Ehrlichkeit im Umgang mit Material und sichtbare Konstruktion prägen diesen Baustil. Ins Frankfurter "Haus Sindlingen", einem solchen ikonischen brutalistischen Bau der 1960er Jahre, lud vergangenen Donnerstag Deutschlandfunk Nova Hörerinnen und Hörer des Podcasts "Eine Stunde History" zu einer Live-Session. Es gab Tulpen aus Amsterdam oder besser aus Haarlem, dem Ausgangspunkt der Tulpenmanie der Niederlande des 17. Jahrhunderts, der ersten Spekulationsblase der Menschheitsgeschichte. Und das in den für ihren Pragmatismus bekannten Niederlanden. Was sind die Gründe für die wiederkehrende Spekulation? Die Antwort auf die Frage ist relativ simpel: Gier und der Wunsch nach schnellem und anstrengungslosen Wohlstand. Wie aber reagiert man, wenn eine Spekulationsblase platzt? 1593 kultiviert der Botaniker Carolus Clusius in Leiden erstmals Tulpen aus dem Osmanischen Reich. Dort gelten die Blumen schon lange als Symbol für Schönheit, Eleganz und Harmonie. Nur wenige Jahrzehnte später schreibt diese Blume an anderer Stelle Wirtschaftsgeschichte. Die Niederlande, abtrünnige Provinzen der spanischen Habsburger, sind durch Handel und Kolonialismus zu immensem Wohlstand gekommen. So kommt zwischen 1634 und Anfang 1637 eine Spekulationswelle ins Rollen. Seltene Tulpenzwiebeln erzielen astronomische Preise, gehandelt werden dabei oft lediglich Lieferverträge, während sich die Tulpenwurzel noch in der Erde befindet. Es sind frühe Options- oder Termingeschäfte. Anfang Februar 1637 kippt die Stimmung. Die Provinzen verfügen nicht über eine Zentralregierung und sehen keine Notwendigkeit einer Regulierung der Geschäfte. Die Blase platzt. Käufer bleiben aus, die Preise brechen ein. Die heutige Geschichtsschreibung schätzt die Folgen des Crashs deutlich weniger dramatisch ein als noch vor Jahren. Die niederländische Wirtschaft geht durch das Platzen der Blase nicht in die Knie. Die Niederlande entdecken im Zuge der Krise ihren Pragmatismus wieder und reagieren mit kühlem Kopf. In vielen Regionen können Käufer ihre Verträge gegen eine vergleichsweise geringe Entschädigung auflösen. Häufig werden rund 3,5 Prozent des vereinbarten Kaufpreises genannt, es gibt allerdings regionale Unterschiede. Hier könnte eine Verbindung zum Brutalismus liegen. Nichts verstecken, sich der Realität stellen und keinen Illusionen hingeben. Oder wie es der berühmte Börsen-Guru André Kostolany mal gesagt hat: „Ich kann Ihnen nicht sagen, wie man schnell reich wird; ich kann Ihnen aber sagen, wie man schnell arm wird: indem man nämlich versucht, schnell reich zu werden. 😉 🫶 Dr. Matthias von Hellfeld Markus Dichmann Klaus Nieding Dr. Hans Peterse Dr. Patrik Hof