Post by Alexander Provelegios
Strategischer Texter, Autor, Schriftsteller | Unternehmenskommunikation, VIDABLE-Creator
SIND WIR BEI DER WM AUSGESCHIEDEN, WEIL WIR ES MUSSTEN? Nein wir sind gescheitert, weil wir es konnten. Genau wie der BER, die Bundeswehr, Stuttgart 21, die große Steuerreform, VW oder die Politik am Aufstieg der AfD. All das sind keine Naturkatastrophen oder andere Schicksalhaftigkeiten. Wir scheitern, weil wir scheitern können. Oder vielleicht sogar scheitern wollen? Unbewusst? Die Automobilindustrie hätte dem E-Wettbewerb Jahre, wenn nicht Jahrzehnte voraus sein können. Bahnhof und Flughafen hätten eingedenk deutscher Ingenieurskunst so geplant und gebaut werden können, dass sie pünktlich und budgetgerecht binnen weniger Jahre fertig werden. Das Gegenteil passiert. Überall. In fast jedem Gesellschaftsbereich. Dennoch: Unsere Fußballer treten an, um Weltmeister zu werden – was sonst? Unsere Bahnhöfe werden als Olymp globaler Bauingenieurskunst geplant – warum eigentlich? Wann war der Moment, als wir unsere nachkriegsdeutsche Demut und Strebsamkeit wieder gegen jene deutsche Großmannssucht eingetauscht haben, die uns in zwei Weltkriege getrieben hat und jetzt in die Arme der AfD? Gibt es eine kritische Masse für Deutschtum? Hat die Wiedervereinigung einfach zu viele Millionen zusammengeführt, um weiterhin Können von Unfehlbarkeit zu unterscheiden? Ja, wir Deutsche lieben die große Erzählung von der Ordnung und der Disziplin. Vom „Wer soll das hinkriegen, wenn nicht wir!“ Wir, die deutschen Ingenieure aus dem Land der Dichter und Denker. Das Regelwerk und die Strebsamkeit des faustischen Deutschen werden die Wirklichkeit schon irgendwie zähmen. So wie unsere Nationalmannschaft Ecuador und Paraguay. Doch stattdessen ist der Moment gekommen, in dem der Fußball nicht mehr unsere Tugenden bestätigt, sondern die Schattenseite bloßlegt: Qualitätsanspruch wurde zu Anspruchsdenken. Aus Regeln wurde Starre. Aus Selbstgewissheit wurde Selbsttäuschung. Es scheint immer dieselbe deutsche Versuchung: Nicht die Realität zu verbessern, sondern Narrative zu entwickeln, die die Geschichte in ein günstigeres Licht rücken: Versailler Vertrag. Besetztes Land. Böse Chinesen, Juden, Migranten. You name it! Unter dem Einfluss der Emigranten hielt sich in den USA nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs für eine Zeit die Vorstellung einer „German Disease“. Nein, das Böse hat keine Nationalität. Und dennoch drängt sich aktuell eine Frage auf: Scheitern wir, obwohl wir Deutsche sind – oder vielleicht, weil wir Deutsche sind? #Storytelling #POLITales