Post by Alessia De Carlo
Medical Student & M.Sc. Psychology Candidate @ LMU | Neuroscientific & Psychiatric Researcher 🧠 | LF Talent Network | OneAIM Science Lead
Fatal. Skandalös. Und eine absolute Zumutung. Gemäß Beschluss des GKV-Spitzenverband vom 11. März 2026 werden die Honorare für psychotherapeutische Leistungen zum 1. April 2026 um drastische 4,5% abgesenkt (ursprünglich wurden sogar 10% gefordert). Dass in einer Zeit, in der die psychische Belastung der Bevölkerung einen historischen Höchststand erreicht hat und die Wartezeiten auf Therapieplätze unzumutbar lang sind, die wirtschaftliche Basis der ambulanten Versorgung aktiv geschwächt wird, ist eine gesundheitspolitische Frechheit. Warum diese Entscheidung fatal ist und revidiert werden muss: - Reallohnverlust durch Inflation: Seit 2022 sind die Kosten für Praxismieten, Personal und Energie kumuliert um etwa 16% gestiegen. Nach den Daten des Zentralinstituts für kassenärztliche Versorgung (ZI) erwirtschaften Psychotherapeuten noch einen Überschuss von circa 52€/ Arbeitsstunde. Das ist gerade einmal die Hälfte dessen, was in der hausärztlichen oder fachärztlichen Versorgung im Durchschnitt erwirtschaftet wird. Eine Kürzung der Honorare um ca. 4,5 % bedeutet in Kombination mit der Inflation einen massiven Kaufkraftverlust für die Praxen. Eine wirtschaftliche Praxisführung ist unter diesen Bedingungen kaum noch möglich. - Zerstörung der Versorgungssicherheit: Der finanzielle Druck zwingt Therapeuten dazu, ihr Engagement in der gesetzlichen Krankenversicherung zu reduzieren. Die Folge wird eine verstärkte Abwanderung in den Bereich für Privatversicherte und Selbstzahler sein. Kassenpatienten werden noch länger auf Hilfe warten müssen oder gar leer ausgehen. - Gefährdung der neuen Weiterbildung: Die Finanzierung der ambulanten Weiterbildung für angehende Fachpsychotherapeuten ist ohnehin prekär. Durch die Honorarkürzung wird es für Praxen finanziell unmöglich, Weiterbildungsstellen anzubieten. Sie gefährden damit direkt die nächste Generation von Therapeuten. Volkswirtschaftliche Auswirkungen: - Produktivitätsausfall: Psychische Erkrankungen sind bereits jetzt die Hauptursache für Fehltage. Eine verzögerte oder mangelhafte Behandlung führt zu längeren Ausfallzeiten und einer Zunahme von Frühverrentungen. - Folgekosten durch Chronifizierung: Eine „billige“ Therapie, die nicht stattfindet, wird zur teuren stationären Behandlung. Die Kosten für einen Tag im psychiatrischen Krankenhaus übersteigen die Kosten einer ambulanten Therapiestunde massiv. - Belastung der Sozialkassen: Unbehandelte psychische Störungen führen oft zu sozialen Krisen, Arbeitslosigkeit und einem erhöhten Bedarf an Transferleistungen. Wir Psychologen fordern eine sofortige Korrektur dieser Entscheidung und eine leistungsgerechte Erhöhung der Honorare, die mindestens die Inflationsrate der letzten Jahre ausgleicht. Die psychische Gesundheit der Bürger darf nicht als Steinbruch für kurzfristige Sanierungsbemühungen der Krankenkassen dienen. https://lnkd.in/eH9fWh33