Post by Alain Missala
Father // Ashoka Fellow // Social Entrepreneur // Founder & CEO of Black Dads Germany // Founder & CEO of ZULA Tribe // Co-Founder & MD of ZULA Kids // Host of the Black Dads Diaries Podcast//
Schämt euch. Jonathan Tah ist nicht nur der Sohn seiner Eltern. Er ist auch dein Sohn, Deutschland. Vor zwei Wochen habe ich hier auf LinkedIn einen Beitrag mit dem Titel „Das Paradox der Vielfalt“ veröffentlicht. Darin ging es um eine einfache, aber entscheidende Beobachtung: Der wahre Charakter einer Gesellschaft zeigt sich nicht darin, wie sie ihre Held*innen feiert, sondern darin, wie sie mit ihnen umgeht, wenn sie scheitern. Zugehörigkeit beweist sich nicht im Applaus. Sie zeigt sich in den Momenten, in denen wir entscheiden, wer auch nach dem Scheitern noch zu uns gehört. Deutschland ist ausgeschieden. Nick Woltemade, Kai Havertz und Jonathan Tah verschießen ihre Elfmeter. Doch für viele wird am Ende nur einer zum Gesicht der Niederlage. Fragt euch warum. Ich höre oft den Satz: „Fußball verbindet.“ Aber was verbindet uns eigentlich? Ein Turnier? Ein Sieg? Oder sind es die Werte, die wir miteinander teilen? Ein Land wird nicht durch ein Fußballspiel zusammengehalten. Es wird durch Menschlichkeit, Verantwortung und Zusammenhalt getragen. Jonathan Tah trägt diese Verantwortung jedes Mal auf seiner Brust, wenn er den Adler für Deutschland trägt. Er trägt die Hoffnung eines Landes. Den Druck eines Landes. Und die Verantwortung, Deutschland zu vertreten – unabhängig davon, ob er gewinnt oder verliert. James Baldwin schrieb: "People are trapped in history, and history is trapped in them." Vielleicht ist genau das der Punkt. Wir tragen Geschichte in uns. Aber die entscheidende Frage ist, welche Geschichte wir an unsere Kinder weitergeben. Als ich heute an „Call Us What We Carry“ von Amanda Gorman dachte, musste ich genau daran denken. Was tragen wir – und was geben wir an die nächste Generation weiter? Meine Söhne schauen zu. Meine Tochter schaut zu. Millionen Kinder schauen zu. Sie lernen gerade, was Zugehörigkeit bedeutet. Jonathan Tah ist nicht nur ein Nationalspieler. Er ist einer der Söhne dieses Landes. Die Art, wie wir über unsere Söhne sprechen, wenn sie scheitern, erzählt mehr über unser Land als jedes Ergebnis auf der Anzeigetafel. Wenn „Das Paradox der Vielfalt“ gezeigt hat, wie schwer Zugehörigkeit sein kann, dann zeigt dieser Moment das Paradox des Zusammenhalts. Wir sagen: „Fußball verbindet.“ Aber wenn unsere Werte nur bis zum ersten verschossenen Elfmeter reichen, dann hat uns nie der Fußball verbunden. Dann hat uns nur der Erfolg verbunden. Schämt euch. Nicht wegen eines verschossenen Elfmeters. Sondern weil ihr gezeigt habt, dass für manche Menschen in diesem Land Zugehörigkeit immer noch an Bedingungen geknüpft ist. Dass Erfolg für alle gefeiert wird. Scheitern aber nicht von allen gleichermaßen getragen werden muss.