Post by Alexander Kluge

Entrepreneur, Consultant, Coach, Speaker, Author - believes in power of networks, Founder of kluge+konsorten.de

„En un lugar de la Mancha, de cuyo nombre no quiero acordarme..." Vor zwei Jahren hatten Sabine und ich unseren Wohn- und Arbeitssitz für zwei Monate nach Paris verlegt. Heinrich Heine war unser Begleiter, der Eiffelturm winkte herüber, die Stadt war in vielen Aspekten eine Inspiration. [→ https://lnkd.in/eQyT7fER] Nun haben wir es wieder getan. Diesmal Madrid. Mitten ins Herz der Stadt sind wir gezogen, zwischen Tirso de Molina und Plaza Mayor, an der Grenze zum Szeneviertel Lavapiés. Wo Paris uns mit Malerei, Architektur und moderner Kunst beeindruckte, ist Madrid Literatur. Cervantes beherrscht nicht nur mächtig den Plaza España. Jeden Morgen laufe ich im Barrio de las Letras über Zitate großer Autoren, die in den Boden der Calle de Huertas eingelassen sind. Mein Freund Siegfried Lautenbacher stiftete das Buch auf meinem Nachttisch und damit den Soundtrack unseres Aufenthalts. Paul Ingendaay, langjähriger FAZ-Kulturkorrespondent in Madrid, erzählt in „Entscheidung in Spanien" vom Bürgerkrieg — nicht aus der Vogelperspektive der Historiker, sondern durch die Augen derer, die kamen: Hemingway, Orwell, Robert Capa und Gerda Taro, Simone Weil, Willy Brandt. Freiwillige aus fünfzig Ländern, die aufbrachen, weil sie spürten: Hier kann man nicht wegschauen. Die Faschisten auf Francos Seite bereiteten sich vor, Europa in Schutt zu legen. Und die Linke verlor in blinder Wut den moralischen Kompass. Wir sehen heute Picassos "Guernica" im Reina Sofía. Capas und Taros Bilder gleich nebenan. Alles bekommt eine tiefere Bedeutung nach der Lektüre. Don Quijote kämpfte gegen Windmühlen, weil er sie für Riesen hielt. Die Freiwilligen des Bürgerkriegs kämpften gegen echte Riesen und verloren trotzdem. Die einen hatten die Realität falsch eingeschätzt. Die anderen sahen sie klar — und kämpften vergeblich. Don Quijote war kein Narr. Er sah die Welt durch das Prisma alter Bücher und vergaß, neu hinzuschauen. Das ist keine Satire auf Dummheit — sondern auf das Festhalten an überholten Weltbildern. Aktueller denn je mit Blick auf die Windmühlen unserer Zeit. Und so ist Madrid voller Gegensätze: Prunk auf der Gran Vía, Müll in den Nebenstraßen. Zur Schau gestellter Reichtum — und nebenan, vor unserem Kino, die langen Schlangen Bedürftiger am Mittag, die auf eine warme Mahlzeit der Mission warten. Mittendrin haben wir gelebt und gearbeitet. Bewegten uns zwischen Dachterrassen und Denkmälern. Und sind dankbar, dass wir dieses Experiment heute so leicht machen können. Sorgen wir dafür dass es so bleibt.

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