Post by Viktoria Hennecke

Mitarbeiterin im Persönlichen Büro des Bundespräsidenten Bundespräsidialamt

Neun Jahre lang habe ich morgens ein Schloss aufgeschlossen, um an meinen Schreibtisch zu kommen. Was für eine große Ehre. Hohe Decken. Das Parkett, das an einer Stelle immer knarrte. Der Kronleuchter. Die großen Fenster zum Ehrenhof. Der Geruch von altem Holz und Schichten von Staub. Morgens das Licht, das sich mit den Jahreszeiten verschob. Draußen Kopfsteinpflaster, der Rasen, die akkurat geschnittenen Bäume und Flaggen. Manchmal das gedämpfte Klopfen der Reifen auf dem Kopfsteinpflaster, bevor Türen aufschlugen. Mauern, in denen Geschichte und Erinnerungen nicht ausgestellt werden müssen. Denn sie sind einfach da. Menschen kamen und gingen. Staatsgäste. Besucherinnen und Besucher. Kolleginnen und Kollegen. Manche blieben lange, andere nur für einen Termin. Irgendwann kennt man einen Ort, ohne ihn genauer betrachten zu müssen. Man weiß, wie das Licht am Nachmittag fällt. Wie der Ehrenhof im November aussieht und wie im Mai. Wann unten aufgebaut wird. Wann plötzlich mehr Menschen da sind als sonst. Wo man den Blick hinwendet, wenn ein Gedanke noch nicht fertig ist. Dann stehen Kartons auf dem Boden. Der Schreibtisch wird leer. Die Regale auch. Dinge, die jahrelang ihren Platz hatten, verlieren ihn innerhalb weniger Stunden. Das Bundespräsidialamt ist umgezogen. Ein neuer Weg zur Arbeit. Ein neuer Weg bis ins Büro. Andere Türen. Andere Flure. Andere Wege, die sich erst noch einprägen müssen. Der neue Dienstsitz ist anders. Klare Linien, Farbe, viel Licht. Mein Büro liegt hoch über den Bäumen. Vor den Fenstern Berlin. Dächer, Kräne, Himmel. Auch hier riecht es nach Holz. Nur anders. Neuer. Noch hat sich nichts abgelagert. Die ersten Dinge stehen schon wieder an ihrem Platz. Bilder. Bücher. Vertrautes. Schreibtisch und Sideboard füllen sich. Eine Weile werde ich noch Wege gehen, die es hier nicht gibt. Im Vorübergehen eine Tür an der falschen Stelle suchen. Neun Jahre verschwinden nicht mit einem Umzug. Auch nicht in zwei Kartons. Die neuen Mauern haben noch keine Geschichte. Keine Erinnerungen. Noch nicht.

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