Post by Benjamin Steven Reiche

Geschäftsführer bei G.I.A. Planung GmbH & Co. KG | Innovationsmanagement, Planung

Menschen erinnern sich nicht an einzelne Gebäude. Sie erinnern sich an Orte. Warum fühlen sich manche Wohnquartiere selbstverständlich richtig an – und andere bleiben trotz moderner Architektur austauschbar? Diese Frage beschäftigt mich seit vielen Jahren. Oft wird die Qualität eines Quartiers an einzelnen Gebäuden festgemacht. Diskutiert werden Fassaden, Materialien oder Balkone. Dabei entscheidet sich die Qualität eines Ortes meist an etwas anderem: am Zusammenspiel aller Gebäude und Freiräume. Ein gutes Quartier braucht keine architektonischen Solisten. Es braucht eine gemeinsame Ordnung. Klare Straßenräume. Wiederkehrende Fassadenrhythmen. Maßstäbliche Proportionen. Hochwertige Materialien. Freiräume, die den Stadtraum ergänzen. Und Gebäude, die miteinander sprechen, statt gegeneinander. Gerade im Wohnungsbau stehen wir heute vor einer anspruchsvollen Aufgabe. Wir müssen schneller, wirtschaftlicher und nachhaltiger bauen. Doch bei aller Effizienz dürfen wir eines nicht verlieren: die Identität unserer Städte. Denn Identität entsteht nicht durch spektakuläre Architektur. Sie entsteht dort, wo Menschen sich orientieren können, sich gerne aufhalten und ihren Stadtteil als Teil ihres Zuhauses begreifen. Deshalb beginnt gute Planung nicht beim Gebäude. Sie beginnt beim Stadtraum. Erst wenn Straßen, Plätze, Freiräume und Baukörper ein stimmiges Ganzes bilden, entsteht Architektur, die langfristig Bestand hat. Für mich bedeutet Nachhaltigkeit deshalb mehr als Energieeffizienz oder CO₂-Bilanzen. Ein Gebäude ist dann wirklich nachhaltig, wenn Menschen es auch in 50 oder 100 Jahren noch schätzen, pflegen und selbstverständlich als Teil ihrer Stadt ansehen. Denn was Menschen wertschätzen, erhalten sie. Deshalb lautet unsere Haltung: Stadt. Ordnung. Wirtschaftlichkeit. Nicht als Gegensatz. Sondern als Grundlage für lebenswerte, wirtschaftliche und dauerhaft erfolgreiche Quartiere. Wie seht ihr das? Sollte der Fokus im Wohnungsbau wieder stärker auf dem Stadtraum liegen als auf dem einzelnen Gebäude?

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