Post by Dr. med. Christoph Ennerst
Founder @ Finanzskalpell® 🩺 Die Finanz- und Praxiscommunity von und für Ärztinnen und Ärzte | Facharzt | Autor „Augenarzt erklärt“
In normalen Bürojobs gibt es eine wunderbare Tastenkombination: Strg+Z. Rückgängig machen. Ein Fehler in der Präsentation? Die falsche Tabelle an den Chef geschickt? Ärgerlich, aber man biegt es am nächsten Morgen bei einem Kaffee wieder hin. In der Klinik oder in der Praxis gibt es kein Strg+Z. Beim Thema Überlastung von Ärztinnen und Ärzten landen wir meistens bei den üblichen Verdächtigen: 24-Stunden-Dienste, unbezahlte Überstunden, Personalmangel. Aber die eigentliche, schleichende Erschöpfung in unserem Beruf kommt aus einer ganz anderen Ecke. Es ist die "Decision Fatigue" - also Entscheidungsmüdigkeit. Ein Haus- oder Stationsarzt trifft jeden Tag hunderte Entscheidungen. Medikament A oder B? Ist dieses diffuse Ziehen in der Brust muskulär bedingt oder schicke ich den Patienten sofort zum Herzkatheter? Kann die Patientin wieder nach Hause oder belege ich das letzte freie Bett auf Station? Jede einzelne dieser Entscheidungen muss unter Zeitdruck gefällt werden. Zwischen zwei ständig klingelnden Telefonen, einer genervten Anmeldung und dem nächsten Notfall. Immer mit der Gewissheit im Nacken: Wenn ich hier etwas falsch mache, hat das echte, irreparable Konsequenzen. Keine falsch formatierten Excel-Zellen. Konsequenzen für echte Menschen. Als Ärztinnen und Ärzte tragen wir dieses Risiko permanent mit uns herum. Medizinisch und juristisch. Das ist die unsichtbare Last, die auf keinem Gehaltszettel steht und die von außen niemand sieht. Und genau deshalb haben Ärztinnen und Ärzte mehr Anerkennung verdient. Und zwar dafür, dass wir diesen kognitiven Spagat jeden Tag auf's Neue hinbekommen, ohne Netz und doppelten Boden. Und ohne Strg+Z. Was meint Ihr dazu? Haben Ärztinnen und Ärzte es verdient, dass zwar für viele Dinge nahezu unbegrenzt Gelder vorhanden sind, aber ausgerechnet im Gesundheitswesen munter drauf losgekürzt wird?