Post by Harald Brost
Tiefenstratege mit Gründerinstinkt (Navigant) - und dem Handwerk, es umzusetzen | Ich finde die wahre Ursache, nicht das Symptom, damit Ihre wichtigste Entscheidung nicht Ihre teuerste wird | NORDSTERN als Orientierung
Ein Baum besteht fast nur aus Luft. Das ist keine Metapher. Ich laufe jeden Tag ein paar Runden, das summiert sich auf rund 15 Kilometer am Tag - das ist aber eine andere Geschichte, warum ich in 7 Jahren die Welt umrundet habe. Unter anderem durch einen kleinen Park an einem See, den Menschen seit Jahren pflegen. Dort stehen gewaltige Bäume mit heller, abblätternder Rinde, die aussieht wie Tarnfarbe. Jahrelang bin ich vorbeigegangen, ohne zu wissen, was das ist. Ahornblättrige Platanen. An einer hängt ein gelbes Schild: Naturdenkmal. Andere Tafeln im Park fordern einen auf, den Bäumen zuzuhören. Manche legen ihr Ohr an den Stamm. Ich fand das lange esoterisch. Dann habe ich nachgelesen, woraus so ein Baum eigentlich besteht. 1640, ein Garten bei Brüssel. Ein Mann stellt einen Topf trockene Erde auf die Waage, pflanzt einen Steckling, gießt fünf Jahre lang nur Wasser. Am Ende wiegt der Baum 74 Kilo mehr. Die Erde: 57 Gramm weniger. Sein Schluss: Die Masse kommt aus dem Wasser. Er lag falsch. Aber er hatte bewiesen, was Jahrhunderte niemand glauben wollte. Aus der Erde kommt sie nicht. Woher also die fünf Tonnen einer alten Platane? Nicht aus dem Boden, auf dem sie steht. Aus der Luft. Aus einem Gas, das man nicht sieht und das 0,04 Prozent der Atemluft ausmacht: Kohlendioxid. Das Blatt fängt es ein, die Sonne liefert die Energie, der Kohlenstoff bleibt. Jahrring für Jahrring. Ein Baum ist verdichtete Luft. Und jetzt der Teil, der mich nicht loslässt. Wer sein Ohr an diesen Stamm legt und ausatmet, gibt genau den Stoff ab, aus dem der Baum sich baut. Ein Stück von dir kann zu Holz werden. Das Schild hatte recht. Nur anders, als ich dachte. Übrigens: Dass der Baum das CO2 spaltet und den Sauerstoff daraus freigibt, wie wir es in der Schule gelernt haben, stimmt nicht einmal. Der Sauerstoff, den wir atmen, kommt aus dem Wasser. Auch die Korrektur wurde nochmal korrigiert. Das ist das eigentlich Verstörende. Nicht, dass wir uns irren. Sondern dass das ruhige, selbstverständliche Bild im Kopf, der Baum, der aus dem Boden wächst, einfach falsch ist. Und das nächste Bild vielleicht auch. Aus der Reihe: Wissenschaft = Irrtum, neuester Stand. Was wir heute sicher zu wissen glauben, ist morgen vielleicht nur der Stand, bis jemand genauer hinhört.