Post by Nadine Dreier
Head of Sales | Healthcare, MedTech & SaaS | Aufbau & Skalierung von Vertriebsteams
Warum wir auf der Straße alle das Atmen verlernt haben. Manchmal sitze ich im Auto und frage mich: Wann genau ist aus der einfachen Erfindung des Automobils eigentlich eine rollende Therapieeinrichtung für unterdrückte Aggressionen geworden? Jeder kennt das Bild vom Schutzengel. Ein geflügeltes Wesen, das sanft über uns wacht. Wenn man aber mal ein paar Jahre im Rettungsdienst gearbeitet hat, verliert dieses Bild schlagartig seine Romantik. Man weiß nämlich, wie die Realität aussieht, wenn der Schutzengel Feierabend gemacht hat. Man weiß, wie es riecht, wenn Plastik auf Asphalt brennt. Und man weiß, wie verdammt leise es auf einer gesperrten Autobahn sein kann, während ein paar Meter weiter jemand darum kämpft, dass der Schutzengel überhaupt noch mal zurückkommt. Und genau mit diesem Wissen im Hinterkopf schaut man sich dann die Typen an, die morgens um halb acht auf der A3 die Krise kriegen. Da sitzt „nennen wir ihn einfach“ Markus, 42, im geleasten Firmenwagen. Markus hat Puls 180. Natürlich nicht, weil er gerade ein Kind aus einem brennenden Haus gerettet hat, sondern weil der Ford Fiesta vor ihm es wagt, die Richtgeschwindigkeit einzuhalten. Markus blinkt links, Markus hupt, Markus gestikuliert wild. Markus’ Schutzengel sitzt derweil auf dem Beifahrersitz, raucht Kette und denkt sich: „Weißt du was, Bruder? Wenn du gleich ungebremst in den Laster rauschst, kratz ich dich nicht aus den Airbags. Ich hab die Schnauze voll.“ Es ist diese unfassbare Diskrepanz, die mich fassungslos macht. Auf der einen Seite Menschen im Rettungswagen, die jeden Tag den absoluten Ernstfall sehen. Die Knochenarbeit leisten, um das Leben von Idioten zu retten, die dachten, zwei Minuten Zeitgewinn rechtfertigen ein Überholmanöver des Todes. Und auf der anderen Seite wir – die Generation „Ich muss aber zuerst an der Ampel stehen“. Wir ballern uns gegenseitig den Mittelfinger entgegen, als wäre es ein olympischer Wettbewerb. Wir drängeln, wir pöbeln, wir schneiden uns den Weg ab. Und warum? Weil wir verlernt haben, fünf Minuten Zeitverlust auszuhalten. Weil das eigene Ego wichtiger ist als die Unversehrtheit des Fremden neben uns. Wir wünschen uns immer „Möge der Schutzengel bei dir sein“. Aber ganz ehrlich? Wir behandeln unsere Schutzengel wie billige Leiharbeiter. Wir verlangen von ihnen Höchstleistungen bei Tempo 160 im Starkregen, während wir gleichzeitig mit der linken Hand eine WhatsApp-Nachricht tippen und mit der rechten den Vordermann beschimpfen. Machen wir ein Experiment. Wenn dir das nächste Mal bei einem Schleicher die Hutschnur reißt: Atme durch. Schau auf den Beifahrersitz. Und stell dir vor, dein Schutzengel sitzt da, völlig erschöpft, mit Augenringen bis zum Kinn und bittet dich um ein paar Kilometer Normalität. Schalte einen Gang runter. Im Kopf, nicht im Getriebe. #Achtsamkeit #Miteinander #Leadership #Gesundheit #Persönlichkeitsentwicklung #Healthcare