Post by Jan J.

Store Owner at MOND The Tailoring Revolution

Es gibt wenige Begriffe in der Herrenmode, die mich ähnlich zuverlässig in schlechte Stimmung versetzen wie der sogenannte „Hochzeitsanzug“. Nicht weil man zur Hochzeit keinen besonderen Anzug tragen sollte. Sondern weil sich hinter diesem Begriff meist ein ganz normales Business-Sakko versteckt, dem man in letzter Minute eine Paisley-Weste und ein Plastron angeheftet hat. Und plötzlich soll daraus etwas Festliches geworden sein. Woher kommt dieser Unsinn eigentlich? Historisch jedenfalls nicht. Das Paisley-Muster stammt ursprünglich aus Persien und Indien und wurde im 19. Jahrhundert durch die schottische Stadt Paisley in Europa populär. Es fand seinen Platz auf Schals, Krawatten und später vereinzelt auf Westen. Das Plastron wiederum war im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die formelle Tageskrawatte des Gentlemans. Man trug es zu Cutaway, Stresemann oder anderen festlichen Tagesanzügen. Damals hatte das Ganze einen klaren Kontext. Heute erlebt man dagegen etwas völlig anderes: Ein anthrazitfarbener Businessanzug aus der Konfektion. Dazu eine silber glänzende Paisley-Weste. Ein Plastron, das aussieht wie die Tischdecke eines besseren Landgasthofs. Und fertig ist der „Hochzeitsanzug“. Das Ergebnis erinnert weniger an aristokratische Eleganz als an einen Sparkassendirektor, der gegen seinen Willen zum Karnevalsprinzen gewählt wurde. Dabei wäre die Lösung so einfach. Ein gut sitzender dunkelblauer oder grauer Anzug aus hochwertigem Stoff. Ein schönes weißes Hemd. Eine elegante Krawatte. Gute Schuhe. Mehr braucht ein Bräutigam oft nicht. Denn Stil entsteht nicht dadurch, dass man einen normalen Anzug mit möglichst vielen Accessoires verziert. Stil entsteht dadurch, dass man den Mut hat, Dinge wegzulassen. Die traurige Wahrheit lautet: Die meisten sogenannten Hochzeitsanzüge sind keine festliche Herrenmode. Sie sind Businessanzüge, die Opfer eines Bastelnachmittags geworden sind. Der schönste Hochzeitsanzug ist oft derselbe Anzug, den man zehn Jahre später noch mit Freude trägt. Nicht der, bei dem man sich auf den Hochzeitsfotos fragt, warum man aussieht wie der Moderator einer Regionalfernseh-Gala von 1997. 😉

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